Nachruf auf Jack London zu seinem 98. Todestag

Der folgende Nachruf erschien in „Der Syndikalist“ zu Jack Londons 10. Todestag am 22.11.1926.

Jack London. Zu seinem 10. Todestage am 22. November.

Als Jack London vor zehn Jahren starb, war er in Deutschland nur wenigen bekannt, während er in der übrigen Welt bereits allgemeine Anerkennung fand. Auch heute noch kann man von einer Volkstümlichkeit Londons in Deutschland nicht reden, und doch verdienten sie wenige wie er.

J_London_writing_1905Der in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geborene Jack London erlebte vom ersten Tage an das harte Los des Proletarierjungen. Mit neun Jahren schon ist er Zeitungsverkäufer, mit 12 Jahren Fabrikarbeiter bei 10 Cent Stundenlohn. Dann, als er diese Arbeiten satt hatte, führte er ein Leben der Abenteuer. Er wurde Austernräuber; er durchsegelte als Matrose weite Teile der Welt. Sein Wunsch war, seit er denken konnte, herauszukommen aus den ärmlichen Verhältnissen eines Proletariers, ein „Bourgeois“ zu werden. Er machte schriftstellerische Versuche, die aber zunächst mißlangen. In entbehrungsreichen Lehrjahren eignete er sich das Handwerkliche des Schriftstellers an und hatte den ersehnten Erfolg. Diese Schilderung eines Lebens voll Aufstieg und Entwicklungen ist unwichtig. Die Aufzeichnung von privaten Lebensschicksalen bedeutender Männer ist eine Angelegenheit des Bürgers. Uns interessier vor allem das Werk. Er hat ungeheuer viel geschrieben, doch sind bisher erst sieben Werke in deutscher Sprache erschienen. Sechs davon neuerdings in mustergültiger Form im Universitas-Verlag Berlin. Eine Einführung in Werke und Leben Jack Londons schrieb Franz Jung (Verlag für Literatur und Politik, Berlin).

Man kann Jack Londons ganzes Werk unter dem Gesichtspunkt des Zwiespalts von romantischer Veranlagung und Willen zu realer Erkenntnis beurteilen. Alle seine Bücher, die herrlich zu lesen sind, tragen diesen Zwiespalt; sie enthalten Schilderungen von unerhörter Wirklichkeitswiedergabe, die sich mit einer geradezu kindlichen Freude am Romantischen, Abenteuerhaften paart.

Jack_London_Bain_News_ServiceWenn wir uns den einzelnen Werken zuwenden, haben wir zunächst den autobiographischen Roman „König Alkohol“ (Universitas-Verlag, Berlin) zu betrachten (wobei zu bemerken ist, daß alle seine Erzählungen mehr oder weniger aus eigenem Erleben geschöpft sind). Er schildert hier das Trinken in allen Lebenslagen und Lebensschichten, die ungeheure Macht „König Alkohols“, über ihn selbst. Es entsteht eine durchaus subjektive Bekenntnisdichtung gegen den Alkohol, die er aber durch seine Gestaltungskraft über das Tendenziöse weit hinaushebt. Die Romane Londons und seine theoretischen Schriften über den Sozialismus sind in deutscher Sprache noch nicht erschienen.

In seinen Abenteuergeschichten „Der Seewolf“, „Ein Sohn der Sonne“, „Südseegeschichten“, „Abendteuer des Schienenstranges“ und „In den Wäldern des Nordens“ (sämtlich: Universitas-Verlag, Berlin) schreibt er die Erlebnisse der Zeit nieder, in der sich aus dem Vagabunden der große Schriftsteller entwickelte. Keiner hat vor oder nach ihm so das bunte, vielfältige Leben des amerikanischen Vagabunden geschildert, keiner hat eine so starke Einfühlungsgabe in das Herz dieser Außeneiter der Gesellschaft. Jack London ist der erste Reporter, den man als Dichter ansprechen kann.

Es wird immer klarer, daß dieser Dichtung die Zukunft gehört. Die Nervendichtung bürgerlicher Literaten steht auf dem Aussterbebett. Die Reportagedichtung geschaffen zu haben, die die Dichtung einer proletarischen Kultur sein wird, ist das Verdienst des Proletariers Jack London.

O. Flechsig

Aus: „Der Syndikalist“ 1926/47

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