Buchrezension: Oliver Steinke über „Schwarze Scharen“ von Helge Döhring

In den „Schwarzen Scharen“ beschreibt Autor Helge Döhring eine bisher weitgehend unbekannte Gruppe der antifaschistischen ArbeiterInnen 1929-1933http://syndikalismusforschung.files.wordpress.com/2011/05/ss-titel-fertig.jpg

Ihre Erscheinung nahm das der linksradikalen Autonomen der 80 iger und 90 iger Jahre des letzten Jahrhunderts vorweg, denn auch sie trugen einheitlich schwarz, damals Hemden und Hosen. Trotz dieser Uniformität standen sie für Individualität und Freiheit. Sie waren militant, wollten aber Frieden, ganz bewusst war auf der schwarzen Barettmütze ihrer Mitglieder ein gebrochenes Gewehr abgebildet. Die Rede ist von den „Schwarzen Scharen“.

Helge Döhring untersucht ein zu wenig diskutiertes Thema in der antifaschistischen Bewegung, – nämlich anhand der „Schwarzen Scharen“ den Widerstand gegen die erstarkenden Nazis bereits vor deren Machtergreifung, also in den Jahren 1929-1933. Wer waren diese engagierten jungen Erwachsenen und wo verliert sich ihre Spur? Döhring zeigt ihre Bedeutung und die der antiautoritären Arbeiterbewegung insgesamt.

Hintergrund

Bereits um 1890 trennte sich ein Teil der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft von der zentralistisch und marxistisch geprägten „Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands“.

Aus den abtrünnigen „Lokalisten“ ging schließlich 1919 in Berlin die „Freie Arbeiter Union Deutschlands“ FAUD hervor. Ihrer politischen Richtung, die sich „Anarchosyndikalismus“ nannte und nennt, schlossen sich in den revolutionären Kämpfen von 1919 bis 1921 in Deutschland nicht nur 120000 Mitglieder an:

Im Januar 1919 waren es auch anarchosyndikalistische Bergleute, die ausgehend von Dortmund 40 Zechen kollektivieren und umgehend und mit großem Erfolg die 6 Stunden Schicht einführten. Ein Jahr später kamen aus der FAUD große Teile der aufständischen Roten Ruhr Armee, besonders im westlichen Ruhrgebiet, die wochenlang die großen Städte kontrollierte und die im April 1920 von Freikorps und Truppen der Reichsregierung unter Hermann Müller (SPD) zerschlagen wurde.

Mit dem Ende der revolutionären Kämpfe, der Hyperinflation 1923 und der zeitweiligen Beruhigung der wirtschaftlichen Lage in den 20 iger Jahren verlor die FAUD die meisten ihrer Mitglieder. Für eine wirksame Bewegung zu schwach, für eine Sekte zu aktiv und einflussreich, verharrte sie in einem eigenartigen Schwebezustand, was ihre Bedeutung betraf. Inhaltlich vertrat sie als Ziel das Erreichen eines freien Sozialismus, der durch Selbstorganisation von Wirtschaft und Gemeinden von unten nach oben aufgebaut, durch die bewusste Entscheidung der Massen erreicht werden sollte. Mittel im gewerkschaftlichen Kampf waren vor allem Streik und direkte Aktionen wie Sabotage. Was weitergehende Militanz betraf, gab es in der FAUD von Anfang an verschiedene Ansichten: In Publikationen war eher die pazifistisch, gewaltfreie Strömung vorherrschend, wurde aber in der Organisation nie als Dogma durchgesetzt.

Die Schwarzen Scharen

Früh erkannten Aktivistinnen und Aktivisten der FAUD und ihrer Jugendorganisation der „Syndikalistischen Arbeiterjugend Deutschlands“ (SAJD) die Gefahr des Faschismus und einige hundert junge Erwachsene beschlossen, nicht mehr wehrlos zu bleiben oder sich gar auf die Polizei zu verlassen, wenn sie bedroht wurden, sondern selbstständig ihre Redner und Veranstaltungen zu schützen.

Zwischen 1929 und 1933 gründeten sie einen eigenen Kampfverband. Allerdings stieß vor allem ihre einheitlich schwarze Kleidung gerade bei den eigenen Leuten oft auf Ablehnung.

Zwar hatten sie insgesamt wohl nie mehr als etwa 300 Mitglieder, aber in den Arbeiterbezirken von Berlin, Kassel, Wuppertal, Bochum oder Darmstadt organisierten sie erfolgreich Schutz vor gewalttätigen faschistischen Überfällen.

Auch auf dem Land, wo in jenen Jahren vielerorts Nazis die in Schleswig-Holstein entstandene und sich ausdehnende „Landvolkbewegung“ erfolgreich unterwanderten, wurde es unausweichlich, sich zu organisieren, sollte den Nazis nicht kampflos das Feld überlassen werden. Hier unternahmen „Schwarzen Scharen“ auch Propagandatouren durch die Ortschaften.

Einige bekannte Aktivisten:

Paul Czakon (1896-1952)

kämpfte später unter dem Namen Maximo Mas als Verantwortlicher der Sacco and Vanzetti Artillerie Abteilung in der anarchistischen Kolonne Land und Freiheit in Spanien. Später schloss er sich der französischen Resistance an.

Alfons Pilarski (1902-1977)

arbeitete seit 1942 in Warschau im Untergrund gegen die Nazibesatzung und nahm hier im August 1944 am Aufstand teil, der nach 63 Tagen niedergeschlagen wurde. Er überlebte schwerverletzt.

Helmut Kirschey (1913 -2003)

war Mitglied der Wuppertaler Schwarzen Schar.

Er wurde bereits im März 1933 von der Polizei verhaftet, doch im November gelang ihm die Flucht nach Amsterdam, wo er sich den dortigen Anarchosyndikalisten anschloss. 1936 reiste er mit falschen Papieren nach Spanien und kämpfte in der anarchistischen Kolonne Durruti gegen die Franco Faschisten. In den Mai Kämpfen 1937 in Barcelona wurde er von den Stalinisten verhaftet und ein Jahr lang gefangen gehalten. 1938 ging er ins schwedische Exil, wo er in der Arbeiterbewegung aktiv blieb.

Drei Schicksale, die für viele weitere, oft noch kaum bekannte stehen. Weitere Mitglieder gingen ins Exil, einige wie Kirschey 1936 nach Spanien, um dort weiterhin gegen den Faschismus zu kämpfen. Andere gingen in den Untergrund. Hier gehörten sie meist zu jenen Mitgliedern der FAUD und SAJD, denen als Antifaschisten der Prozess gemacht wurde und die jahrelang in Gefängnissen und Konzentrationslagern verschwanden oder dort ermordet wurden.

Fazit: Dank Helge Döhring und dem Verlag Edition AV werden die „Schwarzen Scharen“ nun nicht mehr übergangen werden können, wenn vom Widerstand gegen die Nazis die Rede ist. Denn abgesehen von wegweisenden kürzeren Beiträgen von Ulrich Linse und Dieter Nelles hat bisher kaum jemand ihre Existenz auch nur zur Kenntnis genommen oder über sie geschrieben.

Durch große Ausdauer bei der Forschung und seiner lebendigen Darstellung gelingt es Döhring, nun jenen Menschen ihre Stimmen zurückzugeben, die entgegen dem damaligen autoritären Zeitgeist bereit waren, für ihre Ideale große Risiken auf sich zu nehmen. So enthält die detaillierte historische Untersuchung neben Beschreibungen der jeweiligen lokalen Situation auch persönliche Eindrücke von damaligen AktivistInnen.

In seiner unermüdlichen, viel zu wenig beachteten Arbeit, die gesamte Geschichte der deutschen syndikalistischen Bewegung zu recherchieren, darzustellen und sie so vor dem Vergessen zu bewahren ist „Die schwarzen Scharen“ eines von Döhrings wichtigsten Büchern.

Oliver Steinke

Helge Döhring: Die Schwarzen Scharen, Edition AV, Lich 2011, 184 Seiten 14,90 €
ISBN: 978-3-86841-054-9

HIER ERHÄLTLICH

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