Historische Buchbesprechung: Wie die Liebe vergeht – Leo Tolstoi

der synd

Bücherbesprechung

Leo Tolstoi: Wie die Liebe vergeht und anderes aus dem Nachlaß. Im Eigenbrödler-Verlag, Berlin, 1326. In Leinen gebunden mit Goldpressung 5,- M. 360 Seiten.

Selbst Tolstoi wird staatsgefährlich! Undenkbar, wie? Und doch werden im Staate der Freiheit und Ordnung, in Sowjet-Rußland, konsequente Tolstoianer, die den Militärdienst verweigern, eingesperrt, wie hierzulande Massenmörder. Auch der Verlag, der zum hundertjährigen Geburtstag Tolstois dessen gesammelte Werke herausgeben sollte, ist aufgelöst, und so ist es zu erklären, daß die Werke aus dem Nachlaß zuerst in Deutschland zur Drucklegung gelangen. Und es sind nicht einmal antimilitaristische, staatsfeindliche Aufsätze, sondern Dichtungen Tolstois aus verschiedenen Zeiten seines Lebens.

Der Dichter Leo Tolstoi, und nicht der Wüstenprediger, spricht aus diesen Novellen und Gedichten in Prosa, aus diesen Erzählungen und Schauspielen, zu uns. Jeder, der neben dem Lebensrevolutionär auch noch den Dichter Tolstoi liebt, wird erfreut sein über die reiche Schönheit, die ihm in diesen Geschichten entgegentritt. Gegen den harten und eisigen Asketen ist die im Mittelpunkt des Buches stehende Erzählung „Wie die Liebe vergeht“ von einer Freiheit und Feinheit, die einen vollen Genuß bringt. Zärtlich und liebevoll gibt er die Empfindungen junger Liebenden wieder und zeigt, wie es kommen mußte, daß zwei für einander geschaffene junge Menschen nicht zusammenkommen, daß ihre Liebe vergehen muß! Er zeigt nicht, wer schuldig ist, wir ahnen, wir wissen es. Und wir erkennen das Muß zur Neugestaltung der Beziehungen der Geschlechter. In recht seltsamen Reflexionen bewegt er sich in der „Geschichte eines Tages“. Ohne Lehrer sein zu wollen ist er’s und lehrt, wie der Mensch durch Selbsterkenntnis und Beobachtung seiner Fähigkeiten und Handlungen die Vollkommenheit seines Ichs erreicht. Der Mensch soll eben nachdenken über sich und die Umwelt und zur Erkenntnis dessen kommen, was gerecht und nützlich, und was ungerecht und unnützlich ist. In der Erzählung: „Ein Gespräch über Landbesitz“ sagt er viel, von dem wir lernen können. All diese frühen Erzählungen usw. zeigen eine Frische, eine Lebendigkeit, sind angenehm und unterhaltsam, flott, leidenschaftlich und innig hingegeben an das Milieu, die Handlung und das Schicksal des Dargestellten geschrieben, während die älteren Schriften sich langziehen und in Nebensächlichkeiten verzetteln; so zeigen sie den Tolstoi, der nicht mehr als Dichter wirken und schaffen, sondern als Prediger und Prophet die neue, uralte Lehre von der Nächstenliebe und der Gewaltlosigkeit lehren wollte. Dem Propheten war dann jedes Mittel, solange es ein reines war, recht, seine Lehre zu behaupten; selbst seine Kunst, seine Dichtungen hielt er zurück, verleugnete sie, verurteilte sie ketzerisch, sprach ihr jede Bedeutung ab. Es würde zu weit führen, wollte ich jede Schönheit, jede Feinheit und Innigkeit, jede künstlerisch vollendete oder auch mißlungene Dichtung, jede Härte, jede Schroffheit und Trockenheit in den Gestaltungen dieses Buches erwähnen. Ich komme zum Schluß und sage: es ist ein schönes Buch, wie selten eins, das wert ist gelesen zu werden. Freuen wir uns, daß dieser Mann, der wie ein Knecht leben wollte, und der wie ein Bettler starb, einmal ein Dichter war!                                                    Arst.

Aus: Der Syndikalist Nr. 26/34

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