Historische Buchbesprechung: Wirinea / Der Ausreißer – Lydia Sejfullina

der synd

Bücherbesprechung

Neue russische Erzähler: Lydia Sejfullina, „Wirinea“, Roman, brosch. 2,50 Mk., 243 Seiten. „Der Ausreißer“, Erzählung, brosch. 1,50 Mk., 87 Seiten. Im Malik-Verlag Berlin 1925/26.

Die beiden Bücher „Wirinea“ und „Der Ausreißer“ sind die Bücher des neuen, des jungen Rußlands. Dostojewski, der breitausladende, steppenweite Erzähler und mystifizierende Dichter, ist überlebt worden durch die jungen Dichter des neuen Rußlands. Sprache und Form wird knapp. Uns das ist gut. Nicht mehr werden mehr und oder weniger sentimental-romantische Abenteuer erzählt, nicht mehr der märchenhafte Kuppelglanz einer Kirche oder die verträumte, versklavte Gottandacht einer Magd geschildert, sondern hart und wirklich der Kampf ums Brot. Und nicht nur ums Brot, nein, mehr wird erkämpft: Freiheit im Leben, in der Liebe, Gemeinschaft. „Der Ausreißer“, ein 13jähriger Vagabund, elternlos, heimatlos, ziellos, ein „Rechtsverletzer“ versucht er in einer witzigen und ernsten Art, von trefflichen, schlagenden Worten begleitet, immer wieder den Sowjetbehörden ein Schnippchen zu schlagen. Er ist ihr Feind und ihr Rätsel. Er haßt den Zwang und die Bevormundung, mehr noch die Langeweile. Sperrt man ihn in eine „medikopädagogische Kolonie“, so rückt er wieder aus. Haust mit anderen Ausreißern in Erdhöhlen, […] hungert, ißt und trinkt mit denen gemeinsam. Bis sie wieder gefangen werden. Er kommt in die Hände eines Mannes, der mit tüchtigen, gesunden Kindern etwas anzufangen weiß. Dieser Mann hat irgendwo eine Kolonie, eine Kindersiedlung gegründet, dort arbeiten und leben Jungs und Mädels zusammen, etwa 100, wie eine große Familie. Aus diesem Leben lernt man verstehen: „Das Kind ist aus eigenem Rechte da.“ Es ist ein ganzer Mensch und will als ganzer Mensch genommen sein. Dieses Buch möchte ich jedem Lehrer, auch dem freien empfehlen.

„Wirinea“ ist ein Bauernweib, eins aus den Tausenden des weiten Rußland. Mit ihrem Leben und Ringen zeigt uns Lydia Sejfullina den Kampf der russischen Bauern. Für die Unabhängigkeit der Frau vom Manne, für die Freiheit in der Liebe und im Leben gibt sie ihr Leben hin. Die Gemeinheiten und Brutalitäten der Weißgardisten, die sich krampfhaft bemühen, die Herrschaft über das Volk wieder an sich zu reißen, erstehen vor unseren Augen. Wünschen wir doch, das neue, das junge Rußland wäre so ideal, wie es uns die Dichterin so gut zu sagen versteht.                                                                    Arst.

Aus: „Der Syndikalist“ 1926/20

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