Historische Buchbesprechung: „Caprichos. Strophen des Nebenstroms“ von Alfred Kerr

der synd

Bücherbesprechung

Caprichos. Strophen des Nebenstroms von Alfred Kerr. J. M. Spaeth-Verlag, Berlin.

Er ist kein Charakter, doch ein Genie. Diesen Eindruck hat man auch von Kerr, wenn man diese leicht hingeworfenen und oft sehr tiefen Verse liest. Es ist der gleiche Kerr, der als Rezensent des „Berliner Tageblattes“ sein Premierenpublikum mustert, indem er sich vom Platz vorderer Reihe umdreht und ins Parkett schaut: Seht ihr mich auch, mich Alfred Kerr? Erledigt! – Die Vorstellung kann beginnen. – Der Vorhang hebt sich.

In Caprichos hebt Kerr den Vorhang weg von den „Dingen, von denen man nicht spricht“. Wenigstens nicht offen. Nur unterirdisch. Kerr aber sagt in seinen Versen und Reimen, was ist. So, wenn er im Naturgesetz der Liebe feststellt: „Jedweder bessere Mensch benahm sich, wo er konnte, polygam“. Solche Wahrheiten sind in allen Gedichten und allen Teilen des Buches Selbstverständlichkeiten. Kerr schildert den „Zustand“, die „Liebe“, „Berlin“, die „Künste“ und „Deutschland“ in funkelnden und sprühenden Reimen und Wortwitzen. Wer nicht zimperlich und wer nicht nach vorschriftsmäßiger, dabei aber doch menschlicher Erkenntnis strebt, der sollte sich den Genuß des sauber gedruckten Buches leisten.

Aus: „Der Syndikalist“ 1926/25

 

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