Historische Buchbesprechung: „Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie“ – Robert Michels

der synd

Bücherbesprechung

Robert Michels: Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens. Verlag: Alfred Kröner. Leipzig 1935. 528 Seiten. Preis brosch. 12,-M.

Dieses ernste, spannende, manchmal stark erschütternde Werk möchte ich für jede Arbeiterbibliothek empfehlen, besonders für anarchosyndikalistische Genossen hat es großes Interesse. „Der Wissenschaft zuliebe niemandem zuleide“ bietet uns der Verfasser ein Werk jahrelanger Beobachtungen und Studien des innerorganischen Parteiwesens. Dieses Werk verdient zweifellos in unserer Presse ausführlich diskutiert und besprochen zu werden. Es handelt sich eigentlich nicht nur um eine tiefschürfende Kritik an einer politischen Partei. Der Autor zeigt mit der unerbittlichen Logik eines Mathematikers, der das Gesetz der Schwerkraft beweist, daß „die Demokratie zur Oligarchie führt, zur Oligarchie wird“. – In seiner Ätiologie (Lehre von der Ursache) des Führertums zeigt uns Robert Michels die mechanische und technische Unmöglichkeit der Massenherrschaft, und wie sich allmählich in den politischen Parteien „die Unentbehrlichkeit der Führer als Folgeerscheinung ihrer Kompetenz auswirkt“. Sehr lehrreich ist das Kapitel über die psychologische Metamorphose der Führerschaft. Mit Recht behauptet der Verfasser: „Der Durchschnitt der Führer der Arbeiterparteien steht moralisch nicht niedriger, sondern eher höher als der Durchschnitt der Führer der übrigen Parteien.“ Und doch… das „Sein“ beeinflußt unvermeidlich das Bewußtsein des Führers. Allmählich entwickelt sich die Gleichsetzung der Partei bzw. Gewerkschaft mit seiner Person. Denn: „Jede menschliche Gewalt drängt nach Erweiterung ihrer Befugnisse. Wer in den Besitz von Macht gelangt ist, wird in der Regel bestrebt sein, seine Macht zu verstärken und auszubauen, seine Stellung unaufhörlich mit neuen Bollwerken zu umgeben und sich der Botmäßigkeit und Kontrolle der Masse zu entziehen.“ Und dann: „Was interessiert die das Dogma von der sozialen Revolution? Sie haben ihre eigene bereits durchgeführt“, fügt der Autor mit unerbittlicher Ironie hinzu. Und so folgt von selbst, „daß die innere Politik der Parteiorganisationen heute überall teils durch und durch konservativ, teils auf dem Wege ist, es zu werden.“ (S. 464.) Als Beispiel führt Robert Michels meist die sozialdemokratischen Parteien Deutschlands und Italiens an. Aber im Grunde genommen, ist es die traurige Geschichte sämtlicher politischer Parteien und reformistischen Gewerkschaften. Überall „wird die Organisation als einem Mittel zum Zweck zu einem Selbstzweck. Das Organ siegt über den Organismus“.

Wir können mit dem Verfasser nicht bis zu Ende zusammengehen. Wenn er konsequent sein wollte, müßte er in uferlosen bürgerlichen oder sogenanntem anarchistischen Individualismus landen. Es ist wirklich schade, daß er die revolutionärsyndikalistische Arbeiterbewegung übersieht. Freilich, auch unsere Organisationen sind nicht von Mängeln frei. Herrschsüchtige kann es auch in unseren Reihen geben. Aber der anarchistische Geist, der unsere Organisationen durchweht, der föderalistische Aufbau unserer revolutionären Gewerkschaften werden uns hoffentlich erlauben, die Mängel zu beseitigen, die nach des Verfassers Meinung in jeder Organisation unvermeidlich sind.

M.M.

Aus: „Der Syndikalist“ 1926/24

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