Historische Buchbesprechung: „Die Bekämpfung des Zarismus“ – Michael Bakunin

der synd

Bücherbesprechung

 

Michael Bakunin: „Die Bekämpfung des Zarismus.“ (Rede, gehalten auf dem Kongreß der Friedens- und Freiheitsliga in Bern 1868.) Mit Einleitung von Ernst Drahn. R. L. Prager-Verlag. Berlin NW 7. Broschiert 1,50 M. 26 Seiten.

 

War es Entwicklung des Willens oder war es gedrängtes Schicksal, das Bakunin zum Anarchisten werden ließ. Klar war er sich selbst Zeit seines Lebens nicht einmal, wie sollte es bei solch einem intuitiven Feuerkopf auch anders sein. Wohl war er sich über alles klar im Geiste; zu jedem Gedanken, den er erfaßte, stand er mit der zähen Hingabe eines echten Revolutionärs. Eine gerade Linie geht durch sein Leben, ein Schrei: Irgendwie muß doch den Menschen geholfen werden. Auf vielen Wegen suchte er die Befreiung. Besser: er versuchte in allen Lagern als Aufständiger das Experiment der sozialen Revolution. Enttäuscht, verraten, betrogen von seinem Glauben und dem Glauben, dem Vertrauen auf andere, jagte er gehetzt von Land zu Land. Geächtet, gedemütigt von seinen Feinden gefangen, gequält, gepeinigt, gefesselt, erniedrigt, gezwungen zu „beichten“.

 

Seltsam ist es zu wissen, wie sich der junge Bakunin an den Zaren wendet mit seinen schon revolutionären „Grundlagen der neuen Slawenpolitik“. Man verdächtigt seinen guten Willen. Dann sieht er zwar noch etwas kurz eine neue Bewegung in einem unklar bauernbündlerisch nihilistischen Aufruf an das Volk der slawischen Länder: Änderung des Grundbesitzes. Von da, als man ihm Steine in den Nacken warf, geht seine Bahn zum politischen Terroristen. „Die Lust zur Zerstörung ist zugleich schaffende Lust!“ schreit er hinaus, der Welt der Knechtung entgegen.

 

Hinweg mit dem Plunder, dem Morschen, Greisen, den Vergewaltigungen, der Despotie! Zerschlagen, zertreten, vernichten, auslöschen die Brandwunden der alten Gesellschaft, die Gesetze des alten Regime; Bahn frei den Neuen, Freien! Freiheit den Menschen, die Menschenwürdiges bauen wollen! Und so wirft er sich aus den nationalrevolutionären Kämpfen in den Strom der internationalen Rebellenmoral.

 

Er verzweifelt an der Politik West-Europas ohnmächtig erscheinen ihm die „Geheimbünde“. Revolutionäre Diktatur fehlt. Nur die slawischen Völker sind die geborenen Kommunisten! Es bedarf jedoch tiefgreifender Veränderungen, für den Liberalismus hat er auch gar nichts übrig, „die repräsentative, konstitutionelle Machtverteilung, die so sich dokumentierende parlamentarische Aristokratie, des sogen. Gleichgewicht, in den alle Gewalt derartig geschickt verteilt ist, daß keine Partei für sich zu handeln vermag“, kann ihn nicht begeistern. Not tut, erklärt er, eine „starke diktatorisch aufgebaute Macht, die vor allem sich damit befaßt, die Massen aufzuklären, ihr ethisches Niveau zu heben“, aber ohne Parlament oder Nationalversammlung. (Wer denkt bei diesen Gedanken Bakunins nicht an das System des bolschewistischen Rußlands.)

 

Hin und her wogt es im Innern dieses Menschen. Immer noch ist er gemäßigt, und Panslawist, immer noch liegt ihm nur die Befreiung der slawischen Völker nahe „zum Kampf auf Leben und Tod gegen Österreich und die Türkei“.

 

Aber sicher findet er den Durchbruch vom Reformisten zum Revolutionär. Er wünscht (auf dem Friedens- und Freiheitskongreß in Genf) die Zerstörung des russischen Reiches, „das eine ewige Bedrohung der Freiheit der Welt ist“, Unterjochung von Recht und Gerechtigkeit. Menschlichkeit begeht, wer die Aufrechterhaltung der Macht und Gewalt dieses russischen Reiches fördern will. „Wer die Freiheit will, muß für die Zerstörung sein“. Klar entwickelt sich jetzt Bakunin zum Anarchisten.

 

Interessant ist die Einleitung der Rede Bakunins in der Herausgabe von Ernst Drahn. Er (B.) geht erklärend von der Tatsache aus, daß das russische Volk aus den verschiedensten Elementen besteht und es unrichtig ist, von einem russischen Volk zu sprechen. Der slawische Despotismus, die Moskauer Zarenmacht und das Volk, die Bauern und Arbeiter, sind Gegensätze. In der Vergangenheit des Volkes ist der Ursprung der Idee zu finden, „daß Grund und Boden, der ganze Grund und Boden allein dem Volke gehört. D.h. der ganzen, auch wirklich arbeitenden Masse, die ihn mit eigenen Händen bearbeitet“. Das durchzuführen, heißt die Axt an die Wurzel des Unkrautes in der Menschheit zu legen, heißt Enteignung der Nutznießer, der Verpächter, kurz, aller Besitzenden, erfordert Abschaffung des historischen Rechts der Feudalklassen, der politischen Notwendigkeiten der Staaten im Namen des Volkes, bedeutet Aufhebung aller Leibeigenschaftskontrakte, die im Verkauf der Arbeitskraft des Proletariats bezeichnet sind. Das ist diese Forderung: Freiwerden des Besitztums, rechtliche Zuerkennung der Freiheit und Unabhängigkeit jedes Volksteils, jeder Nation, Provinz, Assoziation, Gruppe, jedes Menschen. „Es gilt also die Abschaffung des Staates, aller Staaten. Der Staat als solcher widerspricht durchaus der menschlichen Freiheit und Gerechtigkeit. Wer die volle Befreiung der Menschlichkeit wünscht, der muß den Sturz aller Staaten wünschen, sowie, daß auf den Trümmern der alten Weltordnung die Föderation der freien produktiven Assoziation aller Länder errichtet werde!“ Soweit Bakunin, der voreinst mal von einer „eisernen Diktatur“ (jedoch ohne Konstitution und Parlament) sprach.

 

Und nun muß ich noch sagen, daß es eigentlich nur die Einleitung ist, die für Proletarier die Anschaffung des vortrefflichen Büchleins wertvoll macht, denn die Rede Bakunins ist in französischer Sprache gefaßt und für den, der dieser nicht mächtig ist, ein nichtssagendes Zeilengewirr. Warum, so möchte ich den Herausgeber und Verleger fragen, gab man denn diese nicht in deutscher Übersetzung heraus? Oder soll sie nur als statistisches Material für Soziologen usw. und nicht dem Proletariat zur Erkenntnis dienen? Eine halbwegs gute Übersetzung würde diesen Worten Bakunins die Verbreitung, die ihnen gebührt voll und ganz sichern. Wo ist sie?

 

Arst.

Aus: „Der Syndikalist“ 1926/24

 

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