Historische Buchbesprechung: „Wissenschaftliche Betriebsorganisation und Taylorsystem“ – J. Ermanski

der synd

Bücherbesprechung

Professor J. Ermanski: Wissenschaftliche Betriebsorganisation und Taylorsystem. Verlag: J. H. W. Dietz, Nachf. Berlin 1925.

Das kapitalistische Wirtschaftssystem befindet sich gegenwärtig durch die unheilvollen Folgen des verflossenen Weltkrieges mit seiner ungeheuren Zerstörung an Kulturgütern und Produktionsmitteln, mit der schier unerträglichen Schuldenlast, die besonders in den europäischen Staaten das produktiv schaffende Volk fast erdrückt, in steter Unordnung. Trotz niedrigster Entlohnung der Schaffenden und erpresserisch harter Ausbeutung der Konsumenten erscheint den Großkapitalisten die Profitrate zu gering, und man braucht Mittel und Wege, die Betriebe gewinnbringender zu gestalten. Daß man dies nicht ausschließlich durch Verbesserung der Arbeitsmittel: der Werkzeuge und Maschinen, einer vernünftigen, planmäßigen Produktion und Verteilung zu erzielen sucht, ist das Wesen jeder kapitalistischen Produktionsmethode. Im Gegenteil: der Kapitalist betrachtet das „Instrumentum semivocale“ (das sprachbegabte Werkzeug Mensch) immer noch als das billigste, weil zahlreichste Mittel, seinen Reichtum zu vergrößern. Besonders in Westeuropa klingt uns jetzt in den letzten Monaten fast täglich das Wort „Rationalisierung der Betriebe“ in den Ohren. Und die ungeheuren Ziffern der Erwerbslosen und Kurzarbeiter reden eine zu deutliche Sprache, um uns klar zu machen, was diese „Rationalisierung“ für das Proletariat bedeutet. Um so erfreulicher ist es, daß der Verfasser obigen sich der sogenannten wissenschaftlichen Betriebsorganisation und des Taylorsystems, welches mehr oder weniger auch hier in Deutschland Eingang gefunden hat, wenn auch unter verstecktem Namen, einer kritischen Würdigung zu unterziehen. Und es wäre zu begrüßen, wenn gerade unsere deutschen Marxisten dieses von einem Marxisten geschriebene Buch einem gründlichen Studium unterziehen würden, die doch auch seit 1918 ständig einer „Steigerung der Produktion“ und der „Rationalisierung der Betriebe“ das Wort reden.

Mit großem Fleiß und tiefer Sachkenntnis hat der Verfasser das Material zusammengetragen, welches die ungeheuren Gefahren der negativen Seite des Taylor-Systems aufzeigt, die die Arbeiterschaft und die ganze Kulturwelt bedroht. In ausgezeichneter, objektiver und klarverständlicher Weise hat der Verfasser es verstanden, die Märchen von den die Produktivität steigernden Wundern des Taylorschen Systems zu widerlegen.

Besonders der scheußliche Betrug des Kapitalisten an der menschlichen Arbeitskraft durch die Handhabung des Akkordlohn- und Prämiensystems wird an Hand übersichtlicher Tabellen deutlich veranschaulicht. Über die positive Seite des Taylorsystems, die Steigerung der Produktivität durch rein wissenschaftliche Betriebsorganisation, also unter Ausschaltung der Steigerung der Intensität des Schaffenden, gehen unsere Meinungen auseinander. Hier spricht nicht der objektive Wissenschaftlicher, sondern der Marxist. Hier verweisen wir den Leser auf das Werk Peter Kropotkins: Landwirtschaft, Industrie und Handwerk. Verlag: „Der Syndikalist“, Fritz Kater, Berlin O. 34, welches uns bessere Fingerzeige gibt, wie die sozialistische Gesellschaft ihre Wirtschaft organisiert. Begreiflicherweise findet dieses Werk bei der Bearbeitung obigen Stoffes keine Beachtung, eben weil es antimarxistisch ist. Trotz alledem sei das Werk von Ermansky den weitesten Kreisen des schaffenden, sozialistisch denkenden Volkes empfohlen, und vor allem den Bibliotheken der anarcho-syndikalistischen Organisationen.

Espero

Aus: „Der Syndikalist“ 1926/15

 

 

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