Historische Buchbesprechung: „Wege der Liebe. Drei Erzählungen“ – Alexandre Kolontey

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Bücherbesprechung

Alexandre Kolontey: Wege der Liebe. Drei Erzählungen. 410 Seiten. Malik-Verlag. Preis 4 M. broschiert., 6,50 Mk. Halbleinen.

Ein Buch aus dem modernen russischen Leben, das mit besonderer Aufmerksamkeit und großem Nutzen zu lesen, ist Kolontays „Wege der Liebe“. Die drei interessanten Erzählungen sind literarisch wertvoll, ebenso auch die Fragen, die darin aufgeworfen, aber natürlich nicht gelöst sind. Die drei Erzählungen sind ein ganzer Kursus über die Ethik der Liebe. Sie geben die Anfänge einer neuen Moral wieder. Die russische Revolution hat sicherlich viel dazu beigetragen, alle Dogmen der Liebe zu brechen und hat auch geistige Konflikte herbeigeführt, welche die Machthaber durch ihre Gesetze noch nicht überwinden konnten. In dem Sexualleben gab es in Rußland mehr als in politischer und wirtschaftlicher Beziehung einen unvermeidlichen revolutionären Fortschritt. (Siehe „Die Sexualrevolution in Rußland“ von Dr. Batkis, Verlag „Der Syndikalist“.) Die alten Sittengesetze haben einen ungeheuerlichen Zusammenbruch erlitten. Das neue Geschlechtsleben schreitet über die soziale Heuchelei hinweg, und die Kommissare konnten das Leben des Herzens nicht vollständig beherrschen, wie sie es mit dem politischen und wirtschaftlichen Leben in Rußland taten. Das Buch Kolontays stellt in schönen Erzählungen die Konflikte und Tragödien, die sich durch Geburt und die neue Moral der Liebe ergeben, dar. Die Polygamie, die Polyandrie, die Mutterschaft ohne anerkannte Vaterschaft, die Fruchtabtreibung, die sexuellen Verhältnisse ohne Liebe usw., das sind die Fragen, über die das Buch tief eindringliche Schilderungen gibt. Bei solchen Problemen, bei denen fast alle Menschen ihre besonderen Vorurteile haben, ist es notwendig, den Horizont zu erweitern. Auch wenn die beste Lösung eine rein individuelle sein wird, ist es nötig, größere gegenseitige Toleranz auch auf diesem Gebiete des Lebens zu erzielen. Dafür ist dieses Buch ein geeignetes Mittel.

Wir könnten trotzdem protestieren gegen die Neigung der Bolschwisten: um jeden Preis die Anarchisten lächerlich und verhaßt zu machen, eine Neigung, die selbst Kolontay nicht verbergen konnte. Dies aber ist eine andere Frage.

Sagen wir noch schließlich: Wenn jemand von uns in Rußland die Hälfte von dem, was die Kolontay über die bürokratische Korruption der neuen regierenden Clique sagt, geäußert hätte, würde er einige Stunden später den Weg nach Sibirien fahren.

 D.A.d.S.

Aus: „Der Syndikalist“ 1926/14

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