Historische Buchbesprechung: „Der Bürgerkrieg in Deutschland“ – Richard Müller

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Bücherbesprechung

Richard Müller: Der Bürgerkrieg in Deutschland. Geburtswehen der Republik. Phöbus-Verlag GmbH Berlin S. 14. Preis brosch. 4 Mk., geb. 5,40 Mark.

„Die Kenntnis der Vergangenheit ist die Voraussetzung für das Verständnis der Gegenwart und die Notwendigkeit zur Bewältigung der Zukunft.“ Die praktische Bedeutung dieses Grundsatzes des 48er Revolutionärs Ludwig Pfau bringt uns der ehemalige Vorsitzende des Vollzugsrats der Arbeiter- und Soldatenräte, Richard Müller, im obengenannten Werke eindringlich zum Bewußtsein. Wenn Rosa Luxemburg im Hinblick auf den Verlauf dieser Revolution meinte: „Ach, wie ist doch diese Revolution deutsch!“ so war dies nur ein Ausspruch unter vielen, mit denen diese todgeweihte Heldin jedem Revolutionär aus dem Herzen sprach.

Wir haben als anarchistische Syndikalisten gewiß nichts mit dem marxistischen Dogma von der Eroberung der politischen Staatsmacht zu tun; aber angesichts der Geburtsgeschichte der deutschen „Republik“, wie sie Richard Müller in einfach anschaulicher Weise unserer Erinnerung nahebringt, müssen wir doch in Betracht ziehen, daß beim Entstehen dieser Flitter-Republik von einer „Eroberung der politischen Macht“ im Sinne marxistischer Lehre überhaupt nicht gesprochen werden kann. Denn um „im Namen des Volkes“ einen neuen Staatsgötzen aufrichten zu können, muß der alte Staatsgötze gestürzt sein, und dies besagt hier: Zertrümmerung und Ausrottung des alteingesessenen deutschen feudal-monarchistischen Schandregimentes. Die nackte Tatsache jedoch, daß am 26. April 1925 über 14 Millionen der deutschen Wähler diesen ehemaligen Hohenzollern-General von Bibel und Säbel, Hindenburg, zum präsidialen Repräsentanten dieser sogenannten Republik kürten, bestätigt den in republikanische Verfassungsformen eingehüllten deutsche Absolutismus mit geradezu hanebüchner Brutalität. Jeder aufrechte Mensch, in dem auch nur ein Funke Liebe zur Revolution glüht, muß von einem furchtbaren Ekel gepackt werden, wenn er sich das schamlose Treiben jener an der Spitze stehenden Konjunktur-Sozialisten während der Revolutionsjahre vergegenwärtigt, die einstmals den demokratischen Sozialismus in Erbpacht genommen hatten. Vor nichts fürchteten sich jene „Volksbeauftragten“ Ebert, Scheidemann, Landsberg mehr, als vor dem Nahen des Sozialismus, nachdem sie sich, begünstigt durch den militärischen Zusammenbruch, in die Regierungssessel hineingestrebert hatten. Servil  nach oben, brutal nach unten, mit diesen Worten sind ihre Charaktereigenschaften, hervorragend durch ihren Noske verkörpert, genügend gekennzeichnet. „Die sozialdemokratischen Volksbeauftragten, und Ebert als Person, hatten in den ersten Tagen der Revolution hinter dem Rücken ihrer unabhängigen Kollegen das Bündnis mit der Obersten Heeresleitung abgeschlossen.“ Ist in einer Revolution einmal der Weg staatsscheinreformistischer Anpassung an das Gegebene rechnungsträgerisch beschritten und wird ihm durch die trickhaft getätigte Volksmacht in direkter Aktion kein Paroli geboten, so führt dieser Weg der Anpassung mit Naturnotwendigkeit die schiefe Ebene hinunter. Die Ebert-Scheidemann-Regierung hatte dich der alten verbrecherischen Offizierskamarilla in lakaienhafter Schmiegsamkeit zur Verfügung gestellt, und so ist es nur folgerichtig, wenn „Hindenburg erklärt, daß er die vom Zentralrat der Arbeiter- und Soldatenräte gefaßte Resolution – insbesondere in der Stellung der Offiziere und Unteroffiziere nicht anerkenne“, und weiterhin meinte, daß das „Heer nach wie vor zu der Regierung Ebert steht“. Und dies bedeutete im Sonne „der kaiserlichen Offiziere Entwaffnung und Auflösung der Soldatenräte“. Müller schildert eingehend die Januar-Kämpfe von 1919, wobei er in einem Sonderkapitel „Gustav Noske und die Soldatenräte“ das System dieses Trägers des skrupellosesten Arbeitermordes geißelt. „Einer muß der Bluthund sein“, hatte bekanntlich dieser „Arbeiter“ als oberkommandierender Mordhandwerker erklärt. Noch einmal ziehen die Lüttwitz, Reinhardt und sonstige Generals-Konsorten in unserem Geiste vorüber, wie sie im Schatten der Belagerungs- und standrechtlichen Militärdiktatur im Arbeiterblut wateten. Der Stab der berüchtigten „Garde-Kavallerie-Schützendivision“, welcher, wie wir wissen, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht auf dem Gewissen hat, wird und in seinem verbrecherischen Tun wieder mit allen Einzelakten in Erinnerung gebracht, kurz, der weiße Schrecken des zweiten Revolutionsjahres offenbart sich uns wieder mit seinen geradezu sadistischen Verbrechern am armen Volke und denjenigen, so treu mit ihrem Leben zu ihm standen. Der Verfasser untersucht dann die prinzipiell „taktische Frage, ob das Proletariat die Staatsmacht erobern konnte“, wobei er zu dem Ergebnisse kommt, daß nach seinem Dafürhalten die Berliner Januar-Aktion „der Revolution den Kopf abgeschlagen und das Rückgrat gebrochen hatte“. Er führt den Mißerfolg auf den Mangel an Zusammenfassung und Vereinigung der revolutionären Kräfte zurück. Gelegentlich der Erwähnungen der Weimarer Nationalversammlung von 1919 wird angedeutet, daß sie die Totengräberin des gesunden Rätegedankens war. Und hier bekundet sich die Tragik der deutschen kommunistischen Partei. Als zum Beispiel bereits im Sommer 1919 Karl Radek langsam anfing, die Mitbeteiligung an der Parlamentskömodie zu befürworten, da war der ehemalige Spartakusbund nur noch eine geschichtliche Episode. Kündete man erst im alten Spartakus-Programm den Unterdrückern des Volkes die Kampfparole: „Den Daumen aufs Auge und das Knie auf die Brust“, so schrieb andererseits wieder die „Rote Fahne“ – „Die Schießprügelhelden von rechts heißt man Konterrevolutionäre, die von links heißt man Putschisten oder, wie sie sich manchmal nennen, Syndikalisten oder Anarchisten. Die von rechts sind Verräter, die von links sind die Esel der Revolution. In ihrer Wut auf die Revolution sind beide gleich.“

Wir haben solchen von Sachkenntnis, nicht getrübten Schimpfepisteln der „Roten Fahne“ damaliger Zeit nur die Diktaturpossen dieser „KPD.“ in den Revolutionsjahren entgegenzuhalten, ihr mehr als schwankendes Parole-Schifflein bis in die Gegenwart hinein kritisch zu beleuchten, um es jedem Proleten begreiflich erscheinen zu lassen, wer wirklich „die Esel der Revolution“ sind. Gerade in revolutionären Situationen zeigt sich, wie die Staatspolitikastereien das Gieren nach staatlicher Macht dem Proleten die letzte Möglichkeit nimmt, zu erkennen, daß seine revolutionäre Kraft einmal in seiner Eigenschaft als Gütererzeuger, als schaffender Träger wirtschaftlicher Werte, liegt, und dann, daß die generelle Verweigerung dieser Arbeitskraft den Drohnen gegenüber, der Zusammenschluß zur staatslosen Föderativgemeinschaft, allen Schaffenden erst die Grundlage zur Durchsetzung der sozialen Revolution bietet. Wenn der Leser des Buches von Müller sich bemüht, in diesem Sinne die praktischen Folgerungen aus dem Werden und Wirken der deutschen November-Revolution zu ziehen, dann wird das Studium genannter Schrift höchst ertragreich sein. Aber auch solchen Lesern, denen es zunächst um eine weitgehende prinzipielle und taktische Einschätzung der Macht- und Kraftverhältnisse der deutschen November-Revolution zu tun ist, kann dieses instruktive Buch sehr empfohlen werden.

Ein Anhang informiert über verschiedene zeitgenössische Dokumente, die ein vorzügliches Ergänzungsbild zu dem Werke sind.

B. C.

Aus: „Der Syndikalist“ 1926/5

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