Historische Buchbesprechung: „Geschlechtskunde“ – Magnus Hirschfeld

der synd

Bücherbesprechung

Magnus Hirschfeld: Geschlechtskunde. Verlag Julius Püttmann, Stuttgart. Preis geb. 20 Mk. (Auch in 10 einzelnen Lieferungen à 2 Mk. beziehbar)

Kein anderes Lebensgebiet ist so von roher Unwissenheit, grobem Aberglauben und unmenschlichen Vorurteilen umgeben und durchwoben wie das Geschlechtsleben des Menschen; auf keinem wirkt sich solche Unkenntnis und grundfalsche Einstellung auch so verheerend für Gesundheit und Menschenglück aus wie hier. Sexualwissenschaftliche Belehrung ist also dringend vonnöten. Leider wird sie aber gehindert und bekämpft durch diejenigen, welche als Verfechter überkommener Formen und Normen des Geschlechtslebens und einer heuchlerischen Moral an der Aufrechterhaltung solch abergläubischer und vorurteilsvoller Anschauungen ein Interesse haben. So kommt es, daß die für Lebensverständnis und Lebensführung so bedeutsamen Ergebnisse der modernen Sexualwissenschaft kaum den sogenannten Gebildeten geschweige denn den weitesten Volkskreisen bekannt geworden sind. Da eine Wandlung zum Bessern zu schaffen, all die vielen Irrtümer und falschen Auffassungen über das Geschlechtliche, wie sie heute fast überall noch herrschen, zu beseitigen, das ist die große Lebensaufgabe, die sich M. Hirschfeld als Forscher, praktischer Arzt, Schriftsteller und Volkslehrer gestellt hat. Dieser Aufgabe soll auch das vorliegende Werk dienen, das für die weitesten Kreise bestimmt ist. Fußend auf den reichen Ergebnissen der modernen Sexualwissenschaft, besonders aber einer 30jährigen, geradezu bahnbrechend gewesenen eigenen Forschungstätigkeit und einer ebensolangen reichen Lebenserfahrung als Arzt und Sachverständiger in zahlreichen Sexualprozessen, gibt uns hier der unerschrockene Wahrheitsforscher und tapfere Vorkämpfer für eine auf wissenschaftlicher Grundlage sich aufbauende Sexualreform das Buch, das uns schon lange fehlte, und das auch nur er uns schenken konnte. Was er selbst und andere namhafte Gelehrte in unermüdlicher Forschungstätigkeit gefunden und in einer schon fast unübersehbaren Reihe fachwissenschaftlicher Arbeiten niedergelegt haben, das bietet er uns hier in einer das Lebenswichtige geschickt herausschälenden, großzügigen Zusammenfassung dar.

Das Werk hat die gesamte körper-seelische Geschlechtlichkeit zum Gegenstande. Denn der Geschlechtszustand und das Geschlechtsverhalten des Menschen umfaßt das Leibliche und Geistige. Ist doch der wichtigste Teil des menschlichen Seelenlebens geschlechtlicher Natur, wie umgekehrt der Hauptteil des menschlichen Geschlechtslebens seelischer Natur ist. Ein hoher sittlicher Ernst, der erwachsen ist aus tiefem Verständnis für die sexuelle Persönlichkeit und gründlicher Einsicht in die Unnatur unserer heutigen Sexualordnung und in die Schädlichkeit einer verlogenen und heuchlerischen Moral, charakterisiert das ganze Werk. Ich halte deshalb kein Buch für die so dringend notwendige Sexualaufklärung weitester Volksschichten so geeignet wie dieses. Es ist darum geradezu eine sexualpädagogische Aufgabe der Arbeiterbibliotheken, daß sie ihre Leser zu reger Lektüre dieses auch in der Darstellung schwieriger Probleme immer leichtverständlich, klar und lebendig bleibenden Werkes anregen. Das Buch will aber nicht nur der Verbreitung einer wirklich wissenschaftlich begründeten Sexualauffassung, also nicht nur der intellektuellen Belehrung dienen, es will auch zeigen, wie wir auf Grund dieser neuen Sexualauffassung unser Sexualleben individuell und sozial neu zu ordnen haben, und zur Mitarbeit am Kampfe für eine neue Sexualordnung auffordern. Den Aufgaben einer Sexualreform stehen die heute weitesten Kreise der Arbeiterschaft noch völlig verständnislos und teilnahmslos gegenüber. Sie sind da noch ganz befangen in der traditionellen bürgerlichen, ja engstirnig, kleinbürgerlichen Moral. Die Arbeiterschaft von der Herrschaft solch veralteter und lebensfremder Moral zu befreien, das gehört aber mit zu den wesentlichen Aufgaben eines Kampfes für die Schaffung einer neuen Gesellschaftsordnung.

M. H. B.

Aus: „Der Syndikalist“ 1926/4

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