Historische Buchbesprechung: „Was sahen 58 deutsche Arbeiter in Rußland?“

der synd

Buchbesprechung

Was sahen 58 deutsche Arbeiter in Rußland? Bericht der deutschen Arbeiterdelegation über ihren Aufenthalt in Rußland vom 14. Juli bis zum 28. August 1925. Neuer deutscher Verlag. Preis 50 Pf. brosch.; 176 Seiten.

Dieses Buch ist Material des Gegners, um es gleich vorweg zu sagen. Darüber helfen auch nicht die eingangs stehenden Worte hinweg: „Mögen die nachfolgenden Zeilen dazu beitragen, dem kämpfenden deutschen Proletariat ein Wegweiser in seinem Befreiungskampf zu sein und die gespaltene Arbeiterklasse auf einer einheitlichen internationalen gewerkschaftlichen Plattform zum Kampfe gegen alle seine Ausbeuter zu sammeln.“

Man muß sich vor Augen halten, welchen Grad von Gemeinheit modernes Berufspolitikantentum erreicht hat, welche Bedeutung Treu und Glauben haben und welche Achtung man dem Gegner bringen kann, wenn man propagandistisch tätig ist. Und gerade den rednerisch befähigten Genossen ist das Buch zu empfehlen. Als ich das Buch in die Hände bekam, dachte ich an Potenkimsche Dörfer usw. Es ist aber doch viel Wahres im Buch. Deshalb können es auch unsere Genossen gut gebrauchen. Schwarz auf weiß wird dem deutschen Proletariat da eine Art „Übergangs-Sozialismus“ gezeigt, wie ihn sich anti-staatlich eingestellte Proletarier, und die soll es ja auch noch geben, kaum geträumt haben. Wenn man sich durch die gut arrangierte Begeisterung hindurchgefunden hat, wird man, ohne etwa revolutionärer Sozialist sein zu müssen, durch das ganze Buch hindurch den nackten Klassenstaat finden. Fein säuberlich auseinandergehalten: Roter Direktor, Intelligenz-Arbeiter, Massen-Proletarier. Selbstverständlich geht auch die Bezahlung nach dieser Reihenfolge vor sich. Von einem Übergang zum Sozialismus habe ich auch nicht eine Spur entdeckt. Es mag aber sein, daß die Marxisten einen andern Gradmesser anlegen und vielleicht darin eine Art Sozialismus erblicken, wenn die Delegation eine Menge Leninbilder in den Wohnungen der Arbeiter vorgefunden hat. Das Buch bietet viel Beweismaterial dafür, wie weit die Gehirne der starren Marxisten von der Idee des revolutionären Sozialismus entfernt sind,  und was für eine schmachvolle Rolle die KPR. unter dem Deckmantel der „Diktatur des Proletariats“ spielt. Wir wollen den Genossen vom andern Lager dankbar sein für die Waffe, die sie uns da in die Hände gaben, in dem wir alle Hebel in Bewegung setzen für die Einigung des Proletariats auf der internationalen revolutionären Plattform gegen seine Ausbeuter, die Sowjetbourgeoisie einbegriffen und der Parole: „Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiter selbst sein!“

W. JO., Braunschweig

Aus: „Der Syndikalist“ 1926/1

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