Buchbesprechung: Wilhelm Reich „Massenpsychologie und Faschismus“

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„Liselotte Beck
Wilhelm Reich: Massenpsychologie und Faschismus
Orgone Institute Press, 157 Christopher Street, New York 14, N.Y.

W. Reich ist ein Schüler und Mitarbeiter Freuds, der sich von den Freudschen Schule trennte und konsequent die begonnen Versuche und Untersuchungen fortsetzte, als man dort bereit war, die revolutionären Erkenntnisse mit Rücksicht auf bestehende Gesellschaftsordnung abzuschwächen. Er kam zu so umstürzlerischen Einsichten, daß die bürgerliche Gesellschaft und ihre „wissenschaftlichen“ Organisationen ihn ausstießen und verfolgten.
Seine grundsätzlichen Erkenntnisse lassen sich wir folgt formulieren:

  1. Die Sexualenergie (Orgon) ist der entscheidende Motor des menschlichen Lebens.

  2. Nur bei vollkommener sexueller Befriedigung (Totalorgasmus) gibt es einen harmonischen Menschen, der fähig und bereit ist, für sich und seine Handlungen vollverantwortlich einzustehen.

  3. Die heutige Familie (autoritäre Familie) unterdrückt das gesunde sexuelle Leben (Haltung zur Kinderonanie, zur Sexualität der Jugendlichen und der Frau).

  4. Die bürgerliche Ehe ist eine Einrichtung zur Unterdrückung eines normalen Sexuallebens (BGB mit seinen Bestimmungen).

Die sexuelle Unterdrückung führte im Laufe der Generationen dazu, daß sich der Mensch einen Schutzpanzer (Charakterpanzer) anlegte, der ihm helfen sollte, die sexuelle Energie, die als Lebensenergie ständig zum Durchbruch drängt, abzulenken und auszuschalten (Ursache der Neurosen). Der Mensch lebt heute also aus drei Schichten:

  1. Der tiefsten, sexuellen Schicht, die durch das Orgon den Auftrieb für alle Lebensprozesse erhält;

  2. der darüberliegenden Hemmungsschicht, die, durch Umwelt und Erziehung gebildet, das Ausleben der Sexualität verhindert; es kommt hier zu einer Fehlleitung der Antriebe aus der Tiefenschicht; sexuelle Abnormitäten (Sadismus, Masochismus) und ihre Verbrämungen (Vorgesetztenmentalität, Autoritätsglaube) haben hier ihren Ursprung;

  3. der äußeren Verhaltensschicht (Charakterpanzer, Schutzschicht), aus der der Mensch seinen Umgang mit Menschen ableitet (äußere Höflichkeit, Heuchelei).

Die Unterdrückung und Sublimierung der Lebensenergie (Orogon) hatte auf die gesellschaftliche Entwicklung einen entscheidenden Einfluß. Mit der Verhinderung der orgiastischen Potenz und ihrer Diffamierung durch die Familie und Gesellschaft wurde zugleich die Grundlage für den Autoritätsglauben und damit für die Beherrschung der Einzelwesen gelegt.
In seinem Werk „Massenpsychologie und Faschismus“ (New York 1946) weist Reich nach, daß ein „Führer“ seinen Herrschaftsanspruch nur aus dieser sexuellen Situation des Menschen ableiten kann. Auch die Gläubigkeit der Massen und ihre Bereitwilligkeit, jede Verantwortung gern und willig in die Hände eines anderen zu legen, ja ihre Furcht vor eigener Verantwortung (typische Haltung gerade der deutschen Menschen und an jedem Schalter leicht festzustellen), ist eine Folge der Entartung des Sexuellen in der heutigen Gesellschaft und des Charakterpanzers.
Die Erkenntnis aber der eigenen seelischen Struktur ist eine Voraussetzung für einen Versuch ihrer bewußten Beeinflussung und Veränderung. Es wäre deshalb unbedingt zu begrüßen, wenn diese Schrift den arbeitenden Menschen, besonders jedoch den an diesen Dingen stark interessierten Jugendlichen, die durch politische Themen schwer zu erfassen sind, zugänglich gemacht werden könnte. Vielleicht läge hier eine Aufgabe für sozialistisch orientierte Verlagsanstalten.“

Aus „Die freie Gesellschaft“ Nr. 18 1951

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