Historische Buchbesprechung von Fritz Oerter über Rudolf Rocker „Die Sechs“

der synd

Buchbesprechung

Rudolf Rocker hat mit seinem Buch „Die Sechs“ (Syndikalist-Verlag, Berlin) ein schönes Werk geschaffen, das nicht genug der allgemeinen Lesewelt empfohlen werden kann; denn das Thema berührt nicht nur frei und revolutionär gesinnte Menschen, es berührt und interessiert jeden, der sich mit den Fragen nach dem tieferen Sinn des Lebens befaßt.

Rocker greift aus der Fülle jener charakteristischen und typischen Gestalten, die durch Legende und Dichtung entstanden sind, sechs heraus, legt in gewählter Sprache das Leben und höchste Streben dieser dichterischen Gestalten dar und zeigt, daß jedem von ihnen das höchste Ziel seines Wollens, Sehnens und Träumens unerfüllt blieb. Vor dem Sphinxrätsel des Daseins sinkt schließlich ein jeder von ihnen hoffnungslos in den Staub. Die Sechs sind: Faust, Don Juan, Hamlet, Don Quixote, Medardus (E.T.A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels) und Heinrich von Ofterdingen (Novalis).

Der Verfasser hat das Wesen seiner „Sechs“ bis ins Tiefste zu erfassen versucht und zur Darstellung gebracht: Das rastlose geistige Strebens Fausts nach immer größerer, ja nach letzter Erkenntnis, dagegen das unersättliche fleischliche Verlangen und schrankenlose Tribeleben Don Juans; das Grübeln, Zweifeln und Zaudern Hamlets, im Gegensatz zu Don Quixotes übereifrigem Tatendrang; das widerspruchsvolle Handeln des Medardus, der mit seinem Doppel-Ich zwischen Gott und Teufel schwankt; und andererseits die Selbstlosigkeit des Heinrich von Ofterdingen, der voll vom Wunsch, allen Menschen Glück und Heil zu bringen, die Wunderblume sucht.

All dies ist mit inniger Liebe und überlegenem Verstehen in rythmisch beschwingter Sprache geschildert und dem Leser nahegerückt. Ein sinnvoller Schluß bringt die Lösung des Ganzen. Es ist – wie gesagt – ein gutes Buch, geeignet, viele Erkenntnisse und Einsichten zu vermitteln.

Dabei muß in betracht gezogen werden, daß es an und für sich ein kleines Wagnis ist, ein solches Werk zu unternehmen; denn es ist zu bedenken, daß jeder, der mit der Literatur ein wenig vertraut ist, seine Lieblinge unter den dichterischen Gestalten hat, über die er sich eigene Anschauungen gebildet hat, die mit der bestimmten und kräftigen Umrißzeichnung, die Rocker von ihnen gibt, nicht immer in Uebereinstimmung zu bringen sind. Das wäre nicht schlimm, wenn jeder so viel Toleranz hätte, in solchen Dingen auch eine andere Auffassung als berechtigt gelten zu lassen, was leider nicht der Fall ist. Betrachtet man jedoch schon diese oder jene Auffassung Rockers über einen Charakter als willkürlich, dann liegt auch die Gefahr vor, daß die Auswahl gerade dieser sechs Gestalten und die Festlegung auf sechs überhaupt, sowie der ganze Aufbau des Buches als willkürlich konstruiert und nicht als durch eine innere Notwendigkeit gegeben empfunden werden kann. Mancher dürfte auch die Frage aufwerfen, weshalb an Stelle dieses oder jenes der Sechs, dessen Typ dem gewöhnlichen Volk nicht so bekannt und vertraut ist, nicht z.B. der Simplizius Simplizissimus (Grimmelshausen) oder eine Figur wie Till Eulenspiegel (de Coster) ausgewählt wurde, die dem Volke vielleicht hätten noch besser nahegebracht werden können.

Ich kann mir natürlich denken, daß Rocker seine sechs Gestalten sehr sorgfältig ausgewählt hat. Andererseits aber bin ich mir bewußt, daß es seinem schönen Buch durchaus keinen Abtrag tut, wenn man Gedanken äußert, die einem beim Lesen desselben kommen. F.O.

Aus „Der Syndikalist“ Nr. 1928/32

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