Imanuel Geiss: Nachruf und Sammlung

geis

Der Historiker Imanuel Geiss (1931-2012)

ein Nachruf aus anarcho-syndikalistischer Sicht

Erste Begegnung

Imanuel Geiss lernte ich an der Universität Bremen als Erstsemester 1994/95 in einer seiner großen Vorlesungen kennen. Seine Erscheinung war ganz diejenige eines Professors. Er stand kurz vor der Pensionierung, sowie mit einem guten Stück Kreide vor der Tafel, trug Naturglatze, Brille und einen Anzug in seriöser Farbgebung. Genau so etwas wollte ich damals aber nicht. Ich kam an die Uni, um mich der Politik und den aktuellen Geschehnissen zu widmen, zu demonstrieren, und um die Welt umzukrempeln. Das Fach Geschichte wählte ich nur, weil es frei von einer Numerus Clausus-Zugangsbeschränkung war. Ich wollte, etwas naiv, in erster Linie Politik studieren, weil ich dann mehr Ahnung hätte und mehr bewirken könne, so glaubte ich. Ärgerlich für meinen Aktivismus, dass ich laut Studienordnung gleich zwei Fächer belegen musste statt nur eines. Was soll ich auch mit Geschichte? Ich hatte es mir so einfach vorgestellt, etwas studieren, aber eigentlich überall Politik machen. Es war wirklich mein fester und sehr ernst gemeinter Entschluß der Lebensgestaltung. Nur ein Jahr später studierte ich jedoch schon Geschichte (mit viel Leidenschaft) und Literaturwissenschaften! Das Fach Politik war von Platz eins auf Platz drei meiner Bildungswünsche gerutscht. Und einen besonderen Anteil daran hatte eben jener Imanuel Geiss, der dazu an der Uni noch als konservativ verschrien war, und der in seinen Vorlesungen eine tatsächlich mitunter skurrile Figur abgab. Nach nur einem Semester Geschichte war ich derart fasziniert von diesem Stoff, dass ich wusste: Das ist es! Die Politikveranstaltungen waren dagegen derart neben der Welt und steril, dass ich als junger Politaktivist keine von ihnen auch nur zuende besuchte. So wurde ich ein Freund der Sprach- und Literaturwissenschaften, besonders natürlich der Literaturgeschichte. Nach nur einem Jahr konnte ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen, wie ich zuvor gedacht hatte. In historischen Zusammenhängen und Kontinuitäten zu denken, war in Fleisch und Hirn übergegangen, so selbstverständlich, als hätte ich niemals anders gedacht, und das ist es bis heute geblieben. Geschichtslos durch die Welt zu gehen ist so, wie statt drei Dimensionen nur noch zwei zu leben.

Seine Veranstaltungen

In den Veranstaltungen wirkte Geiss nicht selten wie ein angeschossener Tiger. Man konnte ihn schnell verletzen, sehr schnell. Wo er marxistische Besserwisser vermutete, wurde er dünnhäutig. Als die Neuordnung Europas nach den Napoleonischen Kriegen anstand, kam in einer Veranstaltung die Frage auf, warum der Wiener Kongress 1815 von so großer Bedeutung für Europa war. Geiss betonte gebieterisch, dass die Einigung der Großmächte für den Frieden wichtig gewesen sei. Als ein Student ergänzte, dass es aber auch um das einträchtige Niederhalten von Revolutionen ging, verzog Geiss sein Gesicht, als hätte ihm soeben ein Lama ins Gesicht gespuckt. Trotz Zuhilfenahme eiliger und abwehrender Handbewegungen konnte er dieses Faktum nicht leugnen. Mit einem gequälten „Ja, auch…“ ging er dann zu einem anderen Thema über. Ich selber besuchte weitere Veranstaltungen von ihm und beging einmal einen ähnlichen „Fehler“. Ich war zwar im Recht, aber etwas zu vorlaut mit einem Grinsen auf den Lippen. In den folgenden Sitzungen prüfte er mich dann des öfteren, er hatte mich auf dem Kiecker! Als Geiss merkte, dass er bei mir offene Türen einrennt, ich gerne lerne, und mich auf die Veranstaltungen auch vorbereitete, wich seine Verkniffenheit mir gegenüber einem sympathischen Schmunzeln, wenn er mich aufrief.

Was sich jetzt so anhört, als habe ich mein revolutionäres Ansinnen aufgegeben, war in Wirklichkeit nur die Ergänzung dieser Bestrebungen um die historischen Grundlagen. Und ausgerechnet Imanuel Geiss war einer meiner Schlüssel dazu. Nicht wegen seiner Dünnhäutigkeit, nicht wegen seiner sozialdemokratisch-liberalen Anschauung, oder wegen seiner unglücklichen Rolle im Historikerstreit der 1980er Jahre. Was mich an ihm faszinierte, war sein Zutrauen in sich selbst. Kaum ein Professor hätte es gewagt, Veranstaltungen mit dem Titel „Weltgeschichte“ anzubieten. Von „linken“ Historikerkollegen wurde er deswegen verlacht und mit Leopold von Ranke verglichen. Mit diesen Historikerkollegen hatte ich selber politisch doch viel mehr gemeinsam. Dennoch war es Geiss, der mir die wichtigen Impulse gab: Mit Zutrauen, Spaß und Selbstdisziplin ist in der Geschichtswissenschaft alles zu schaffen. Das ist eine Mentalitätsfrage, und die hat weniger mit „Uni-Bluff“ zu tun, sondern mit Persönlichkeit und Charakter. Das Studium war für mich keine Frage des Berufs, sondern inniger Leidenschaft und ganz persönlicher Lebensweg. Studium war und ist für mich immer Selbststudium, selbständiges Lernen. In diesen Vorstellungen waren wir uns ganz nahe. Geiss freute sich über jeden, der lernen wollte: WOLLTE! Ihm waren auf seinen Veranstaltungen Gasthörer mit wirklichem Interesse lieber, als saturierte und wohlgefällige Pflichtstudenten. Die gab und gibt es in Massen. Imanuel Geiss war enorm hilfsbereit und trug einen sehr liberalen Geist in sich. Seine Liebe zur Geschichte entstand aus einer Notlage, wie er uns einst erzählte. Der im Jahre 1931 in Frankfurt/Main geborene Geiss saß als Kind im Luftschutzkeller. Gegen die Schrecken der Detonationen, den Lärm und die Angst und Bedrücktheit um sich herum lernte er die römischen Kaiser der Reihe nach auswendig, inklusive der Jahreszahlen ihrer Regentschaft. Es schuf offenbar etwas Abhilfe, denn, weil der Krieg so schnell nicht zuende ging, lernte er die Könige gleich hinterher und weitete die Lektion samt Kaiser und Könige auch zeitlich weiter aus auf das „Heilige römische Reich deutscher Nation“, welches bis 1806 existierte. Für Schwarzhumorige ist dies natürlich urkomisch, und ich hoffe, er hat mein Grinsen nicht gesehen. Er selber erzählte dies in aller Leichtigkeit und ohne Beschwernis. Und als Ausgleich für meine morbide Ader lernte auch ich jetzt fleißig die Kaiser auswendig, die er auf den kommenden Veranstaltungen fortan abzufragen verstand. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Geiss fragte schon, ob die Studenten nicht lieber etwas anderes lernen möchten. Und als die heutige geistige Elite ihren Mund nicht aufbekam, zog er dieses stupide Programm einfach durch, besser noch: Nach den Kaisern … auch die Könige! Und wieder verdankte ich es meinem besonderen Humor, das alles mitzumachen. Schon bald kannte ich die Daten fast so genau wie Imanuel Geiss. Und ganz ehrlich: Einige dieser Daten sind wirklich wichtig!

Revolutionierung der Geschichtswissenschaft

Geiss war selber ein Protagonist der Geschichte der Geschichtswissenschaften in Deutschland in ihren spannendsten Kapiteln. Nachdem er die Trümmer verließ, machte er im Jahre 1951 Abitur und absolvierte an der Universität München sein Studium in Anglistik, Geschichte und Politik. Dann begann ein lehrreiches Kapitel. Denn 1956/57 lernte Geiss den angesehenen Historiker Fritz Fischer (1908-1999) kennen und promovierte bei ihm an der Universität Chamburg im Jahre 1959 zum Thema „Der polnische Grenzstreifen 1914-1918“. Fischer, der unter dem Naziregime als Historiker Karriere machte, war gerade dabei, sein legendäres Werk „Griff nach der Weltmacht“ zu verfassen, wobei Geiss ihm gute Dienste leistete. Dieses über 800 Seiten starke Buch veränderte die schwarz-braun dominierte deutsche Historiographie in entscheidender Weise, ja es war der Auftakt zu einer kritischen Geschichtsforschung generell. Dazu führte Geiss Jahre später einmal aus:

„Inzwischen wurde die orthodoxe [Historiker-]Zunft in den 60er Jahren auf ihrem klassischen Lieblingsfeld – der diplomatischen und politischen Geschichte – vor den Augen einer nachrückenden Historikergeneration nach allen Regeln traditioneller Akten-Kunst aufs Kreuz gelegt. Es wirft ein Schlaglicht auf die ideologische Verquickung von Wissenschaft und Politik der alten Zunft in konservativer Richtung, dass sie ihre empfindlichste Niederlage dort erlitt, wo sie mit ihrem Prestige die deutsche Reichspolitik der Vergangenheit am eifrigsten und wirkungsvollsten sanktioniert hatte, zugleich aber wissenschaftlich am schwächsten war – auf dem Gebiet der sog. Kriegsschuldfrage 1914 und der deutschen Kriegszielpolitik im Ersten Weltkrieg. (Vgl. vor allem Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Düsseldorf 1961, 4. Aufl. 1964) Schließlich musste eine neue Generation auf den Plan treten, die ihre entscheidenden intellektuellen und politischen Eindrücke in der Bundesrepublik empfangen hatte und diese seit 1967 in der Studentenbewegung und in der sich verstärkenden Abkehr von der konservativen CDU/CSU umsetzt. Erst damit konnte eine Historikergeneration entstehen, die bereit und willens ist, aus den historischen Erfahrungen seit 1917 und 1945, aus der unverkennbaren Krise des Kapitalismus, der Auflösung des Kolonialimperialismus nach dem Zweiten Weltkrieg, aus dem endgültigen Untergang des Deutschen Reichs und der Niederlage des Faschismus 1945 Konsequenzen zu ziehen. Sie bestehen politisch in der Zuwendung zu radikaldemokratischen bis sozialistischen Positionen, wissenschaftlich in der Abwendung vom germanozentrischen, geistes- und machtgeschichtlich orientierten deutschen Historismus – alles gegen den erbitterten Widerstand der abtretenden Historikerzunft und ihrer gleichgestimmten Nachfolger. (Zitat aus: Imanuel Geiss/Rainer Tamchina: Ansichten einer künftigen Geschichtswissenschaft, München 1974, S. 19 f.)“

Ich selber fand dieses Kapitel derart faszinierend, dass ich im Fach Geschichte dazu in der mündlichen Magisterprüfung referierte. In seiner Virtuosität, seiner Ausdauer und seinem konsequenten Forschen und Publizieren gegen den übermächtigen Mainstream ist Fritz Fischer mir ein Vorbild geworden. Meine Bewunderung verdient auch die Tatsache, dass bei ihm (in fortgeschrittenem Alter) ein nachhaltiger Umdenkungsprozeß stattgefunden hat gegenüber konservativen und faschistischen Einflüssen hin zum radikalen Hinterfragen von Geschichte.

Gang ins konservative Lager

Aber nicht nur Fischer übte seinen Einfluß auf Geiss aus. Wie er oft betonte, lernte er viel von Franz Schnabel (1887-1966) und den Schriften besonders Alexis de Tocquevilles (1805-1859) und Henri Pirennes (1862-1935). 1973 ging Geiss an die neu gegründete Universität Bremen. Was heute unter dem Begriff „Reformuniversität“ bekannt ist, war eines der größten gesellschaftspolitischen Experimente Bremens im Zuge der 68er-Revolten, dessen Studium unbedingt zu empfehlen ist. Der wahrheitsliebende und gründlich denkende Geiss geriet jedoch schon bald mit den entstehenden kommunistischen Hochschulgruppen aneinander. Bis zu seinem Lebensende sollte er sich von diesen Auseinandersetzungen nicht erholen. Wo immer er auch Jahrzehnte später noch ihre Vertreter witterte, wurde er fahrig. Sie mussten ihm wirklich zugesetzt haben, und in Rückblicken ließ er kein gutes Haar an diesen, trat nach, wo es nur ging.

Jene Gruppen waren in den 1970er und den beginnenden 1980er Jahren an den Universitäten sehr stark, sie versuchten, Lehrveranstaltungen in ihrem Sinne umzukrempeln, und wo das nicht funktionierte, wurden diese schon mal „gesprengt“. Und Ziel war auch Imanuel Geiss, eben jener, der einst mit Fritz Fischer die Geschichtswissenschaft gegen den gleichen Gegner revolutionierte. Er war in ihren Augen jetzt ein „Renegat“. Geiss, der noch Anfang der 1970er Jahre unbedingt lesenswerte, fundierte und bissige Bücher verfasste (siehe Literatur unten), zog sich zurück. Er trat eine thematische Emigration an, weg von politischer Brisanz hin zu Werken monumental aufbereiteter Weltgeschichte. Dazu zählt besonders das sechsbändige „Geschichte Griffbereit“ (Reinbek 1979), aber auch „Geschichte im Überblick“ (Rowohlt 1986). Daneben schrieb er ein weiteres Standardwerk mit dem Titel: „Geschichte des Rassismus“ (Suhrkamp 1988). Die politische Bühne betrat Geiss in großem Maße erst wieder im Zuge des sogenannten „Historikerstreits“ Ende der 1980er Jahre. Nachdem er zunächst versuchte, die Wogen zu schlichten („Die Habermas-Kontroverse. Ein deutscher Streit“, Siedler, 1988), schlug er sich schließlich auf die Seite der Konservativen um Ernst Nolte, Andreas Hillgruber und anderen. Der Protagonist der anderen Seite, Hans Ulrich Wehler (sog. Bielefelder Schule und einer der profiliertesten Historiker in Deutschland), blieb sein Intimfeind. Es liegt mir nicht viel daran, hier zu erörtern, worum es in diesen Auseinandersetzungen ging, bemerkt sei aber, dass Geiss in meinen Augen an deren Ende eine sehr unglückliche Rolle spielte und mit dem „Hysterikerstreit“ (Bouvier, 1992) ein zwar endlich wieder bissiges, jedoch sein mit Abstand schlechtestes Buch verfasste.

Zum Glück blieb es nicht dabei. Die Konflikte im ehemaligen Jugoslawien, die im Jahre 1991 offen ausbrachen, waren mir lange ein Buch mit sieben Siegeln. Als ich das Buch von Imanuel Geiss und Gabriele Intemann „Der Jugoslawienkrieg“ (Diesterweg, 1993) las, wohlgemerkt ein wirklich kleines Schriftwerk, verstand ich komplett, worum es dabei ging!

Dennoch blieben seine früheren Werke das Beste von ihm, der sich inzwischen nicht scheute, mit rechtskonservativen Historikern, wie Uwe Backes und Eckehard Jesse (Totalitarismustheoretiker und Doktrinäre) und sogar Rainer Zitelmann (Braunzone) zu publizieren.

Das war unzweifelhaft seinem tief sitzenden Kommunistenhaß geschuldet. Stets sprach er von Rechts- und Linkstotalitarismus, von einer in der Historikerlandschaft vertretenden Orthodoxie von rechts (die er mit Fischer damals bekämpfte) und einer solchen von Links (u.a. Wehler, Bielefelder Schule), gegen die er sich bis an sein Lebensende richtete und in aller Verbissenheit zu Felde zog. Selbst dann noch, als die Gegenseite im Zuge der Wendejahre von 1989/91 ihre Selbstzähmung vollzog.

Mit dieser Einstellung hatte Geiss viel gemeinsam mit der von Anarcho-Syndikalisten formulierten Ablehnung linker Orthodoxien. Ich schätzte es sehr an ihm, dass er dagegen anging. Ich schätzte es hingegen nicht, dass er sich damit zum Gehilfen bürgerlich-kapitalistischer Politik und deren Historikerlakaien machte. So über den Dingen stehend, historischen Wahrheiten ganz verpflichtet, unbefangen und unabhängig, wie er es selber gerne betonte, war Geiss nämlich nicht.

Hier ein aufschlussreiches Interview mit Geiss aus dem Jahre 1999.

Weitere Begegnungen mit ihm

Auch nach seiner Pensionierung im Jahre 1996 (er begann noch mit über 70 Jahren, Polnisch zu lernen!) bot Geiss viele Lehrveranstaltungen an, die ich trotz aller Differenzen stets gerne besuchte. Ich wusste ja, wie ich ihn zu nehmen hatte. Er war nicht zu eitel, an seine Studenten Restbestände seiner Bücher zu verschenken, im Gegenteil, lag ihm sehr daran, dass sie sich überhaupt fortbildeten.

Ein paar Jahre später fragte ich ihn, ob er als Gutachter für meine Magisterarbeit einspringen könne. Es war die Zeit, wo die alten mir bekannten Professoren in Scharen in den Ruhestand gingen, und ich nun krampfhaft nach zwei Gutachtern suchen musste. Er war äußerst hilfsbereit, wie es seine Art war, und so kam es, dass ich mit ihm das Thema Anarcho-Syndikalismus erörterte, weil die Magisterarbeit dies zum Inhalt hatte. Zwar merkte ich seine Gereiztheit bestimmen klassenkämpferischem Vokabular gegenüber. Dennoch blieb er insgesamt sachlich und zuvorkommend, zeigte sich sehr aufgeschlossen. Diese Ikone der Geschichtswissenschaft lies sich dazu herab und spendete seine Zeit für Sprechstunden mit mir, der ich nicht einmal ein abgeschlossenes Studium besaß. Wir sprachen respektvoll von gleich zu gleich, und ich erfuhr so manche Einzelheiten über die Geschichte der Geschichtswissenschaften.

Zu dieser Zeit wurde die Uni von einem Studentenstreik erfasst, an dem ich mich aktiv beteiligte. Das bedeutete, dafür Sorge zu tragen, dass wirklich keine Lehrveranstaltungen stattfinden. In ähnlichen Situationen hatte ich die ganzen Jahre zuvor mein Studium schleifen lassen, mich voll eingesetzt mit allen nachteiligen Konsequenzen. Nun befand ich mich in der misslichen Situation, bei Geiss auf seiner Lehrveranstaltung erscheinen zu müssen, weil er mich ja als Gutachter betreuen wollte, und ich das Studium wegen drohender Änderungen der Studienordnung zügig abschließen mußte. Ein Fehlen meinerseits wäre sehr ungünstig und vor Geiss nicht zu rechtfertigen gewesen. Die Streikaktivisten waren zu schwach, um wirklich die Veranstaltungen verhindern zu können. Da saß ich nun in seiner Veranstaltung als „Streikbrecher“! Dennoch fühlte ich mich gar nicht als solcher. Denn als Geiss die Kreide nahm, um seine unnachahmlichen Tafelbilder zur Weltgeschichte zu zeichnen, machte die Tafel nicht mit! Einige Studenten begannen zusammen mit Geiss, das Wachs, welches in sehr großen Mengen auf die Tafel aufgetragen wurde, zu entfernen. Aber sie kamen nicht weit, und die Veranstaltung wurde dadurch massiv gestört. Geiss tobte, polterte, zeterte gegen diese „Rowdies“ und sollte bis zu seinem Tod niemals erfahren, dass ausgerechnet der Anarcho-Syndikalist in den Sitzreihen vor ihm dafür verantwortlich war! Wo der Streik versagt, greift eben direkte Aktion und Sabotage. Insofern hatte ich mein Gewissen beruhigt, denn „Streikbruch“ geht natürlich gar nicht. Belastet wurde mein Gewissen dennoch, denn ich mochte diesen alten, hier unbeholfenen Geiss natürlich und schätzte seine Vergangenheit, viele seiner Bücher und seine weltgeschichtlichen Ausführungen nebst Tafelbilder sehr. Ich habe diese Störung der Veranstaltung wirklich bedauert, dennoch würde ich immer wieder so handeln.

Dass Geiss schließlich nicht mein Gutachter zum Thema Anarcho-Syndikalismus wurde, hatte jedoch ganz andere Gründe, dennoch werde ich seinen Einsatz nicht vergessen, danke Geiss.

Back to the roots?

Ich sollte ihn erst einige Jahre später wieder sehen. Und zwar an einem Ort, wo ich ihn niemals vermutet hätte. In der Villa Ichon im Bremer Steintorviertel fanden regelmäßige Veranstaltungen der Bremer „Mittwochsgesellschaft“ statt. Diese Gruppe um Karl Heinz Roth steht für radikale Gesellschaftskritik und repräsentiert eine politische Richtung, bei der Geiss seine spärlichen Haare hätten zu Berge stehen müssen. Als die Zuhörer bereits Platz genommen hatten, erschien Geiss in der Tür. Und ich dachte mir noch: Hui, gleich fliegen die Fetzen! Der alte Knabe will am Ende seines Lebens noch mal Abrechnung halten, und dies nicht nur in gewohnter schriftlicher Form. Von den Veranstaltern wurde er tatsächlich extra begrüßt, wenngleich diese von seiner Anwesenheit nicht sonderlich überrascht schienen. Die Veranstaltung verlief ruhig, Geiss war ein aufmerksamer und respektvoller Zuhörer, genauso, wie ihm gegenüber Respekt erwiesen wurde. Nach der Veranstaltung sprach ich ihn ein letztes Mal. Er erkannte mich noch, obgleich er schon sichtlich von Krankheit und Herzinfarkt (oder war es Schlaganfall?) gezeichnet war, und wir wechselten ein paar freundliche Worte. So brennend es mich interessiert hatte, was ausgerechnet Imanuel Geiss auf dieser Veranstaltung machte, schonte ich ihn, der ja so leicht fahrig werden konnte, und frug nicht nach. Vielleicht war es sein liberaler Geist und eine gewisse Aufgeschlossenheit, die ihn zum Besuch veranlasste, vielleicht eine Art Versöhnung mit seiner eigenen Geschichte. Von dritten erfuhr ich noch, dass er desöfteren Gast der „Mittwochsgesellschaft“ sei. Hat sich damit der Kreis zu seiner eigenen radikalen Anfangszeit geschlossen? Diese Frage finde ich viel spannender, als eine darauf passende Antwort. Denn mit diesem Nachruf möchte ich ganz im Sinne des bekannten Anarcho-Syndikalisten Rudolf Rocker zum Nachdenken anregen und aufzeigen, dass es mehr gibt, als nur richtig oder falsch, plädieren für einen offenen Geist, der den Dingen aufgeschlossen und selbstbewusst gegenübertritt und sich in diesem Sinne treu bleibt. So mag es selbst dort zu Gemeinsamkeiten kommen, wo bestimmte Ansichten sich mitunter radikal voneinander unterscheiden. Wo immer diese Voraussetzung gegeben ist, lässt sich dazu lernen, kann Fortschritt zum Ausdruck kommen.

Insofern kann ich einige seiner Schriften („Jugendsünden“, so Geiss im Gespräch mir gegenüber – als er sie verfasste, war er gut über 40 Jahre alt!) den jungen Anarcho-Syndikalisten empfehlen, um ihren allgemeinen historischen Horizont zu bereichern und zwar folgende:

„Fünfzehn Millionen beleidigte Deutsche oder Woher kommt die CDU? Beiträge zur Kontinuität der bürgerlichen Parteien“, Rowohlt 1972

HIER ANTIQUARISCH ERHÄLTLICH

„Studien über Geschichte und Geschichtswissenschaft“, Suhrkamp 1972

HIER ANTIQUARISCH ERHÄLTLICH

Besonders jedoch diese Schrift:

„Ansichten einer künftigen Geschichtswissenschaft“, Hanser 1974

HIER ANTIQUARISCH ERHÄLTLICH

Merken wir uns noch folgende Worte:

„Historie wird (nicht nur in Deutschland) ihr bisheriges nationales Ghetto verlassen und einen wahrhaft internationalen Horizont entwickeln müssen, der dem gegenwärtigen Stand unserer konfliktreichen Weltgesellschaft entspricht. […] In dieser Situation darf der Historiker in nicht mehr länger Herrschaftslegitimation produzieren. […] Einer künftigen Geschichtswissenschaft darf die Vergangenheit nicht mehr als Selbstzweck erscheinen, sondern sie muß die historische Dimension zum Verständnis der Gegenwart heranziehen, als Beitrag zur rationalen und humanen Gestaltung unserer Zukunft. […] Die Konsequenzen für die Geschichtswissenschaft wären einschneidend. Ihre wissenschaftliche Praxis muß so angelegt sein, dass sie sich in politische Aufklärung umsetzen lässt. Die Historiker müssen sich der gesellschaftlichen und politischen Verantwortung ihrer Arbeit und der Vermittlungsproblematik ihrer Ergebnisse bewusst sein. Das schließt ein Engagement in Medien und Politik der Gesellschaft, in Schule und Erwachsenenbildung ein. Es darf nicht länger als ehrenrührig gelten, wenn ein Historiker neben seiner wissenschaftlichen Forschung publizistisch und politische aktiv wird.“ (Imanuel Geiss in: „Ansichten einer künftigen Geschichtswissenschaft, Hanser, 1974)

H., 20. März 2012

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s