Historische Buchbesprechung zu Theodor Plievier: „Der Kaiser ging, – die Generäle blieben.“

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Buchbesprechungen

‚Der Kaiser ging, – die Generäle blieben.‘

Gerade noch in letzter Minute, gewissermaßen zur Liqidation der letzten Reste des 9. November 1918, erschien im Malik Verlag von Theodor Plievier, dem Verfasser von ‚Des Kaisers Kulis‘, ein ‚deutscher Roman‘ unter einem sehr aktuellen Titel.

Der Kaiser ging, – die Generäle blieben, in diesen sechs Worten ist die ganze Tragödie der deutschen Revolution und der deutschen Arbeiterbewegung enthalten. Noch einmal ziehen hier jene ereignisreichen Oktober- und Novembertage des Jahres 1918 an uns vorüber. Fünf Wochen deutsche Geschichte, von einem Künstler, der mit Herz und Hirn dabei war, in packende, fesselnde Romanform gegossen.

Dabei keine persönliche Erlebnisschilderung, sondern ein historisch getreues Zeitgemälde. Die beste Orientierungsquelle für alle, die jene Tage nicht persönlich oder nicht mit wachen Sinnen erlebt haben!

Das ist vor allem die heranwachsende junge Generation, die ein ganz falsches Bild vermittelt erhält, erst in der Schule und dann in den Rekrutendepots der Partei und der Zentralgewerkschaften. Für sie ist dieses Buch! Das ist die erste und vornehmste Aufgabe des proletarischen Künstlers und Schriftstellers: Sinn für geschichtliche Wahrheit und Klarheit in den Köpfen der Arbeiterjugend zu wecken. Th. Plievier hat diese Aufgabe gelöst. Wenn man sein Buch gelesen aus der Hand legt, dann gibt es kein Deuteln, kein wenn und aber mehr, dann weiß man: so kam es, so war es! Es ist eine endgültige vernichtende Abrechnung mit der Sozialdemokratie – die Fabel vom kleineren Uebel zurückgeführt auf das, was sie ist: Verrat am Sozialismus, Verbrechen am Proletariat.

Für uns Anarchosyndikalisten ist das Buch von höchster Bedeutung, zeigt es doch klar und eindeutig, wie einer an sich großartigen revolutionären Massenbewegung und Erhebung von Politikern und Emprokömmlingen, von Bonzen und Renegaten die Spitze abgebrochen wurde.

Man vergegenwärtige sich: Unter unsäglichen Mühen und Entbehrungen, verfolgt, gehetzt, die Familien geopfert, Freiheit und Leben bedroht, immer illegal arbeitend, organisierend, aufklärend, anfeuernd, geschmäht von den Instanzen der Partei, von den Bonzen der Gewerkschaften bei den Generalkommandos denunziert, so wirkt ein kleines Fähnlein aufrechter, mutiger, der Sache des Sozialismus treu ergebener Männer gegen die Europa zertrampelnde Kriegsbestie!

Als die Front unter den Raupen der amerikanischen Tanks zermalmt wird, als die F.T.-Stationen der kaiserlichen Schlachtkreuzer elektrische Funken in den Äther senden, die Rebellion und Aufstand und Schluß des Kaisers bedeuten, da gelingt es den Namenlosen der Revolution, den revolutionären Obleuten, die Berliner Arbeiter in Marsch zu setzen.

Des Kaisers Flagge sinkt, das Bürgertum zittert, es fühlt die soziale Revolution herannahen.

Doch schon sind die Retter da. Die SPD, die noch vor wenigen Tagen durch den Mund ihres Vorsitzenden Friedrich Ebert erklären ließ, daß sie die Revolution wie die Sünde hasse, wird wieder zum getreuen Ekkehardt des Bürgertums. Sie verfährt dabei nach dem schon bei den ersten Munitionsarbeiterstreiks erprobten Rezept: Man stellt sich einer Bewegung nicht entgegen, sondern nimmt sich ihrer an und höhlt sie aus. Und während die Soldaten der Revolution die lebensgefährlichen Stellungen beziehen, bereit, alles für die Erringung des Sozialismus einzusetzen, besetzen die gestrigen Feinde der Republik die Ministersessel, organisieren und mobilisieren mit Hilfe kaiserlicher, adliger Offiziere gegenrevolutionäre Regimenter zur Niederschlagung radikalsozialistischer Arbeitermassen.

Man ist an Rockers Essa[y] ‚Vom Fluch des Praktischseins‘ erinnert, wenn man an jene Tage denkt. Wie die Priester das Christentum, die Fürstenknechte der Reformation die Bauernrevolution, so schlugen die Realpolitiker der SPD den lebendigen Geist der sozialen Revolution in jenen Herbst- und Wintertagen 1918 – 1919 tot. Die herrschende Klasse hatte es nicht nötig, ihren [Gaston de] Gallifet selbst zu stellen, er wurde ihr geliefert aus den Reihen des Proletariats.

„Bluthund der Revolution“, den Namen hat sich Herr Gustav Noske selbst gegeben, und er wird ihn behalten, so lange man Geschichte schreibt.

Th. Plievier portraitiert ihn im Kapitel „Kiel“ seines Buches mit photographischer Treue. Noske kam nach Kiel, um der Meuterei, die er persönlich auf das Schärfste verurteilte, ein [Knie zu brechen]. Sein verbrecherischer Plan, die Matrosen wieder auf die Schiffe und in die Kasernen zurückzuschicken und die alte ‚Ordnung‘ wiederherzustellen, der nebenbei gesagt zur Füsilierung Hunderter von Revolutionären geführt hätte, scheiterte an der inzwischen eingetretenen Ausbreitung der Bewegung auf die ganze Wasserkante.

Unsere SPD-Proleten werden hoffentlich aus der Lektüre des Buches die notwendigen Schlüsse ziehen. Ein auf Reinlichkeit und sozialistische Ehre etwas haltender Arbeiter kann heute unmöglich mehr bei einer Partei sein, die solche Renegaten hervorgebracht hat und immer wieder noch hervorbringt. [zB Schily]

Das ist die Tragödie, daß millionenfaches Wollen, für das Generationen von Sozialisten gelitten und gestritten haben, nicht ausgereicht hat, einer Situation, wie sie gleich günstig nur alle hundert Jahre von der Geschichte geschenkt wird, wirklich sozialistische Neukonstruktionen abzuringen.

Wäre das deutsche Proletariat in seinem entschlossenen, aktiven Teil damals schon in sozialrevolutionären, syndikalistischen Gewerkschaften organisiert gewesen, so stünden wir heute, nach 14 Jahren, nicht kurz vor der Restauration, der Wiederherstellung der alten Zustände.

Geschichtsbücher zählen gewöhnlich nicht zu den von Arbeitern gern gelesenen Werken. Plieviers historisches Buch aber liest sich wie ein Roman.

Kurz, knapp, prägnant die Sprache. Dramatische Hochspannung. Schlag auf Schlag geht es, jeder Satz und Begriff sitzt. Dazwischen wundervolle, ergreifende Szenen. Die Fiebervision des Prinzen Max von Baden ist eine literarische Meisterleistung. Man lese Sätze wie diesen: ‚… Bei der milden Lehre Jesu, bei der Weisheit und Gerechtigkeit der Bergpredigt, teuerste Anna Elisabeth, 70 000 deutsche Kriegsgefangene bauen die Murmanbahn, 25 000 davon sind schon gestorben. Es gibt keine Aerzte, keine Medizin, keine Krankmeldungen. Wer zusammenbricht, wird mit Peitschenhieben wieder auf die Füße und an die Arbeit getrieben. Anna Elisabeth! Ich wußte nicht, daß die Haut eines Menschen so kalt werden kann, daß ein Peitschenhieb zu einer wärmenden Liebkosung wird.‘

Man kommt in Versuchung Kapitel für Kapitel zu besprechen, man möchte mit den revolutionären Matrosen ins Land fahren und bei ihnen sein, wenn sie den Herzog von Braunschweig absetzen, man möchte mit den Berliner Arbeitern marschieren und das Militär entwaffnen, aber das würde zu weit führen. Es ist bestimmt nicht übertrieben, wenn man feststellt, daß Th. Plieviers Revolutionsbuch die beste getreueste Wiedergabe der zum Thema gehörenden Ereignisse ist, und da das Werk mit dem Abend des 9. November 1918 endet, freut man sich, im Nachwort zu lesen, daß der Autor an einem weiteren Band arbeitet, der den Ablauf der Geschehnisse in den nun folgenden Wochen und Monaten schildert.

Unseren Genossen und Freunden können wir dringend empfehlen, sich das Buch anzuschaffen, es darf in keiner Privat- und in keiner Gruppenbibliothek fehlen.*)

K. Dingler.

*) Wir teilen hierzu mit, daß die ‚Gilde freiheitlicher Bücherfreunde‘ sich um Uebernahme des Buches bemüht. Darüber später näheres.

Aus „Der Syndikalist“ Nr. 1932/25

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