Historische Neuankündigung: Erich Mühsam, „Sammlung“

der synd

Erich Mühsams ‚Sammlung‘
Ueber unser neues Gildenbuch

Die Gilde freiheitlicher Bücherfreunde bringt Erich Mühsams ‚Sammlung‘ für ihre Mitglieder heraus. Das Buch ist schon 1928 erschienen, infolge des bisherigen hohen Preises dürfte es aber in unserer Bewegung noch wenig verbreitet sein, deshalb hat sich die Gilde mit der Uebernahme dieses ausgezeichneten Werkes zu einem erträglichen Preise ein sehr großes Verdienst erworben.

Die dichterische Gestalt Mühsams ist aus der deutschen Literatur nicht hinwegzudenken. Viele Gedichte Mühsams treffen den Volkston so gut, daß man sie auf den ersten Blick ohne weiteres für alte Volkslieder hält. Als vor einigen Monaten ein Bäckergeselle als Prinz hochstapelte, da glossierte eine Zeitung die Affäre in der Karikatur mit der Unterschrift: ‚Es war einmal ein Bäckergesell, Ein frecher Gesell, ein kecker Gesell…‘

Dieser Vers war als Volkslied bezeichnet, tatsächlich war er aber einem Gedicht Erich Mühsams ‚Die drei Gesellen“ entlehnt, das ebenfalls in der ‚Sammlung‘ abgedruckt ist. Andere Gedichte sind Gemeingut der revolutionären Arbeiterschaft geworden, insbesondere verschiedene Antikriegsgedichte und der berühmte ‚Revoluzzer‘. Diese Lieder sind so abgerundet, so klassisch in ihrer Form, daß sie noch lange Jahrzehnte, und hoffentlich Jahrhunderte lebendig bleiben werden, auch wenn die politisch-soziale Situation, aus der sie entstanden sind, nicht mehr bestehen wird, genau so, wie es mit den politisch-satirischen Werken Swifts, Voltaires, Glaßbrenners usw. der Fall ist.

Man ist es leider in der Arbeiterbewegung gewöhnt, in der politischen Tendenzkunst auf die künstlerischen Qualitäten zu verzichten, wenn nur der Sinn dem Wollen der Massen entspricht. Erich Mühsam hat uns gelehrt und gezeigt, daß man sehr wohl hohe künstlerische Qualitäten mit politisch-revolutionärer Tendenz verbinden kann. Besonders sei hier auf die Gruppe der „Fanale“ verwiesen. Aber nicht nur einseitig für politische Zwecke gebraucht Mühsam seine große Kunst des Wortes, das Menschlich-Individuelle kommt in der Sammlung zu eindrucksvoller Darstellung. Seien es die spöttischen und doch anklagenden „Balladen“, seien es die „Gleichnisse“ und die anderen Verse, in denen Mühsam von sich spricht, überall steht neben der abgeklärten Form jenes tiefe Ethos, jenes revolutionäre Verantwortungsgefühl, das den Dichter immer wieder dazu treibt, zu mahnen und anzuklagen, zu spotten und zu zürnen, ohne je die Flinte ins Korn zu werfen, auch wenn die Menschen den unbequemen Mahner nicht hören wollen und ihn der Not und der Verzweiflung überlassen. Diese Bekenntnisgedichte und diese Mahnungen, das sind wahrhafte ‚documents humains‘, menschliche Dokumente [Zeugnisse], die uns tief hineinsehen lassen in eine große Seele und – in die Zeit. Solche gewaltigen Mahner hat jedes Jahrhundert nur wenige; Rousseau, Voltaire, Z[S]wift, Tolstoi wären hier zu nennen. Wie sie erkennt Mühsam die Schäden der Zeit: Unterdrückung, Unrecht, Elend, Krieg, in gewaltigen Visionen faßt er alles zusammen und weist vorwärts in die Zukunft.

Aber nicht nur durch Worte wollte er die Mitwelt zur befreienden Tat entflammen, er ging auch selbst ans Werk. Bereits vor dem Kriege stand er wegen seiner revolutionären Tätigkeit vor Gericht, im Kriege war er der Militärdiktatur selbstverständlich gefährlich und wurde kurzerhand in Zwangsaufenthalt geschickt. In der Revolution und der Münchener Räterepublik nahm er tätigsten Anteil und bekam dafür vom sog. ‚Volksgericht‘ 15 Jahre Festung, von der er fast sechs Jahre verbüßen mußte. Der dichterische Niederschlag dieser Jahre sind u.a. die Gedichte „Haft“, die zu den besten gehören, was es auf diesem Gebiete gibt. Kein niedergedrückter, gebrochener Mensch spricht da aus Kerkerzellen zu uns, sondern noch immer der alte Rebell, der sogar sein eigenes Schicksal vergißt, um anderen zu helfen.

Ebensogut wie die dichterisch beschwingte Form meistert Mühsam auch die Prosa. Es sei hier nur auf die messerscharfe Satire ‚Der sechzigste Geburtstag‘ hingewiesen, in der die Spießbürgerlichkeit, nationale Besoffenheit und Heimtücke der SPD ans Licht gezogen werden. Auch hier wieder: alles aus einem Guß, höchste Konzentration, größte Klarheit in der Darstellung.

Das Werk dieses Dichters und Mahners wird dauern, solange nur noch ein Funken Freiheitsgefühl in den Menschen deutscher Zunge lebendig ist. Wir aber können stolz darauf sein, ihn zu den unseren zu zählen. H.W.G.

Aus „Der Syndikalist“ Nr. 1932/21

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