B. Traven: Sammlung

B. Traven“ ist das weltbekannte Pseudonym eines Autors, dessen ‚wahre‘ Identität lange – vielleicht für immer? – im Dunkeln lag. Einige Menschen machten sich auch in unserer Zeit auf, das Rätsel um die Persönlichkeit hinter dem Decknamen zu lüften.Traven

Viel Interessanter aber für uns ist der praktische Nutzen, den sein Werk hat, als weltweit einzigartiger Beitrag zu freiheitlicher Literatur. In diesem Bestreben wollen wir den eigenen Worten Travens folgen, die er in „Die Büchergilde“ (Der „Zeitschrift der Büchergilde Gutenberg“, Ausgabe vom März 1926) äußerte: „Von einem Arbeiter, der geistige Werte schafft, sollte man nie einen Lebenslauf verlangen.“ und weiter „Wenn der Mensch nicht in seinen Werken zu erkennen ist, dann ist entweder der Mensch nichts wert oder seine Werke sind nichts wert.“

Von unschätzbarem Wert für unsere Sache sind allerdings Travens Werke, wie zum Beispiel die grandiose, bisher wohl unübertroffene Bürokratiekritik und Anklage gegen die Verwertung des Menschen unter die Zwecke des Kapitals, „Das Totenschiff“; oder die Analyse der gesellschaftszersetzenden Wirkung des Geldes und Goldes im Wilden Westen in „Der Schatz der Sierra Madre“ – unter anderem mit dem berühmten Humphrey Bogart verfilmt.
Weitere Beachtung sollte das Werk „Die weiße Rose“ von B. Traven finden, in dem der Autor auf die kapitalistische Landnahme und die Zerstörung der menschlichen Kultur in all ihrer psychologischen Komplexität eingeht.
Traven kann aber auch anders: Auf einer seiner zahllosen Reisen durch unsere Welt stellte er den Fotoband „Land des Frühlings“ zusammen, in dem er dem mexikanischen Chiapas einen Besuch abstattet und seine indigene Kultur erforscht. Chiapas ist heute immernoch ein interessanter Fleck für die weltweiten Erhebungen der Menschen gegen den Zentralismus, weil dort die rebellische EZLN (Ejercito Zapatista Liberation Nacional) für ein Leben in Unabhängigkeit eintritt. Der Bogen nach Deutschland schließt sich wieder mit dem solidarischen Handel durch die Hamburger Genossen und Genossinnen vom Café Libertad Kollektiv aus Hamburg – und die Grundlagen aus erster Hand, die Vergangenheit und die Begebenheiten damals, die uns historische Facetten dieses Konflikts näherbringen, liefert uns B. Traven mit seinem Werk.

Das Totenschiff
Taschenbuch: 320 Seiten
Verlag: Diogenes; Auflage: 11., Aufl. (Mai 2002)
ISBN-13: 978-3257210989

HIER ERHÄLTLICH
HIER ANTIQUARISCH ERHÄLTLICH

Der Schatz der Sierra Madre
Verlag: Klett; Auflage: Schulausgabe mit Materialien. (1986)
ISBN-13: 978-3122608804

HIER ERHÄLTLICH
HIER ANTIQUARISCH ERHÄLTLICH

Zur Person:
Travens Leben in moderner Comicform von Johann Ulrich (Herausgeber) und GOLO (Illustrator) erschien im Avant-Verlag, 1. Auflage 2011

Portrait eines berühmten Unbekannten
Gebundene Ausgabe: 139 Seiten
Verlag: Avant-Verlag
ISBN-13: 978-3939080510

HIER ERHÄLTLICH

Hier ein Artikel über und aus der frühen „Travenforschung“:

f g cover

Alfred Michaelis
Der geheimnisvolle Traven

I.

Die Frage, die schon vor zwanzig Jahren von einer kleinen Leserschar der Büchergilde Gutenberg gestellt wurde und schließlich eine riesige Leserschaft in der ganzen Welt beschäftigte, wer der geheimnisvolle Verfasser B. Traven sei, sollte – wie der Mexiko-Korrespondent der schwedischen Zeitung „Arbetaren“, A. Souchy, im August 1948 in einer aufsehenserregenden Artikelserie schilderte – endgültig beantwortet sein. Die Verfilmung des Traven-Buches „Der Schatz der Sierra Madre“ hatte eine lebhafte Diskussion in Mexiko hervorgerufen. Souchy, der das Land selbst kreuz und quer bereist hat, erklärte, daß kein Zweifel darüber bestehe, daß Traven ein ausgezeichneter Mexiko-Kenner sei und seine Bücher zu den besten gehören, die über Mexiko geschrieben wurden. Seine Darstellungen beleuchten jedoch eine unbekannte Seite des Landes, die selbst viele Mexikaner nicht kennen. Man habe oft behauptet, daß Traven zu Übertreibungen neige. Seine ungeschminkte Schilderung der rücksichtslosen Arbeitsmethoden, die man den Baumwollpflückern auferlegt, wie des primitiven Daseins der armen indianischen Bevölkerung sei indessen wenig schmeichelhaft für Mexiko, so daß man nicht gerade begeistert sei, daß diese Verhältnisse draußen in der Welt bekannt würden. Souchy betonte jedoch, daß er während seiner jahrelangen Reisen in Mexiko konstatieren konnte, daß die Wirklichkeit zuweilen ärger ist als sie von Traven geschildert wird. Jedenfalls erweckte der Film „Der Schatz der Sierra Madre“ ein lebhaftes Interesse, wer der geheimnisvolle Autor B. Traven sei. Grund genug, daß ein mexikanischer Journalist eine wahre Detektivleistung vollbrachte, um den Verfasser aufzuspüren. Nach anfänglichem Leugnen sollte er – von dem mexikanischen Journalisten und seinen Begleitern in die Enge getrieben – sich schließlich zu erkennen gegeben haben. Souchy, der vor zwanzig Jahren in einem indirekten Kontakt mit Traven stand und ihm seinerzeit einen schwedischen Verleger verschaffte, war der Auffassung, daß das Traven-Geheimnis somit tatsächlich gelöst war.

Es schien unzweifelhaft, daß B. Traven deutscher Herkunft sei. Die Tatsache, daß sein Erstwerk „Die Baumwollpflücker“ in der deutschen sozialdemokratischen Tageszeitung „Vorwärts“, Berlin, veröffentlicht und alle Traven-Bücher zuerst von der Gutenberg-Gilde herausgegeben wurden, auch das besondere Interesse, das er diesem hervorragenden Genossenschafts-Unternehmen lange Zeit zuwandte, schien diese Annahme ausreichend zu begründen. Daß in einigen seiner Erzählungen zuweilen blitzschlagartig deutsche Verhältnisse auftauchen, konnte als Bestätigung hingenommen werden, daß der Verfasser persönliche Beziehungen zu diesem Lande habe. Somit schien es selbstverständlich, daß Traven in die deutsche Literaturgeschichte einbezogen wurde, und nur eine Frage schien zu lösen nötig, wer dieser geheimnisvolle Deutsche sei, welches Schicksal ihn nach Mexiko verschlagen habe und welche Gründe ihn veranlaßten, sich sorgsam zu verbergen und hartnäckig seine Anonymität zu wahren.

Es verlautete zuweilen, damals schon, als seine ersten Bücher bekannt wurden, daß einige, unter ihnen vor allem der Dichter Erich Mühsam, zu wissen meinten, wer es sei, der sich unter dem Namen B. Traven verbergend, seine literarischen Meisterwerke in die Welt hinaussendet. Im Herbst 1917, so hatte Mühsam hier und dort in Freundeskreisen berichtet, tauchte ein junger sonderbarer Mann in München auf; ungewöhnlich begabt, eine eigenwillige, trotzige Persönlichkeit war dieser Ret Marut, wie er sich nannte. Seinen wirklichen Namen wußte niemand; nicht einmal jene Frau, die seine Gefährtin war. Er gab hin und wieder eine Zeitschrift heraus. „Der Ziegelbrenner“ nannte er sie, ein Blatt, das alle Erscheinungen des kriegswütigen wilhelminischen Regimes rücksichtslos bekämpfte und den Weg bahnte für die Revolution 1918. Als am 1. Mai 1919 der General Epp mit seinem Freikorps in München einzog und die Räte-Republik blutig niedermetzelte, wurde auch Ret Marut, der eine leitende Stellung innehatte, verhaftet. Auch er sollte hingerichtet werden; auf dem Wege zur Richtstatt sprang er von dem in höchster Geschwindigkeit rasenden Lastauto und flüchtete. Geheimnisvoll wie er gekommen, war und blieb er verschwunden. Noch einige Male erhielt man Kunde von ihm: „Der Ziegelbrenner“ erschien zunächst in Wien, dann kamen 1922 noch einige Hefte von verschiedenen anderen europäischen Städten, der Herausgeber aber war unauffindbar.

Als der Dichter Mühsam nach einer fünfjährigen Zuchthauszeit entlassen wurde und seine Zeitschrift „Fanal“ herausgab, veröffentlichte er sofort in der ersten Nummer einen Aufruf:

‚Ret Marut, Genosse, Freund, Kampfgefährte, melde dich, gib uns ein Zeichen, daß du lebst.‘

Selten wird ein Aufruf erlassen, der so eindringlich, beschwörend, fast flehend wirkt.

‚Wir brauchen dich!‘ heißt es am Schluß. ‚Wer kennt den ‚Ziegelbrenner‘? Welche Leser des ‚Fanals‘ wissen, wo man Ret Marut antreffen kann, wo man ihn suchen soll? Wer weiß, wo er sich verborgen hält, der mag ihm dieses Heft geben. – Viele fragen nach ihm, viele warten auf ihn. Er ist berufen.‘

Mühsams Bemühungen waren vergeblich: Marut blieb verschwunden. Schließlich, als Mühsam die Hoffnung, seinen Kampfgefährten aufzuspüren, aufgegeben hatte, las er zufällig die ersten Traven-Bücher. Der Stil erschien ihm merkwürdig vertraut. Anfangs grübelte er vergeblich, in welchem Zusammenhang ihm diese besondere Art zu schreiben aufgefallen war. Nach einiger Zeit erinnerte er sich wieder seines Freundes Ret Marut. Er nahm die ‚Ziegelbrenner‘-Hefte hervor und konstatierte eine auffallende Übereinstimmung der Schreibart Maruts mit den Traven-Büchern; ja, er meinte darüber hinaus in diesen bestimmte Ausdrücke, besondere Anschauungen wiederzufinden, die Ret Marut eigen waren. Freunde, die er auf diese Entdeckung aufmerksam machte, nahmen ebenfalls Stilproben vor und kamen zu dem gleichen Ergebnis. Es mag noch hinzugefügt sein, daß deutsche Emigranten-Schriftsteller, die während des Krieges in Mexiko weilten, zu der gleichen Auffassung gelangten. Egon Erwin Kirsch hat in seinen Mexiko-Erinnerungen ebenfalls dargestellt daß Traven mit Ret Marut identisch sei, und der Münchener Oskar Maria Graf, der Marut persönlich kannte, veröffentlichte in einer deutschen Zeitschrift einen Aufsatz, in dem er in gleicher Weise diese Auffassung zu begründen suchte. Selbst Manfred George versuchte in der von ihm geleiteten Wochenzeitung „Der Aufbau“, New York, mittels einer langen Beweiskette Ret Marut – oder Richard Maurhut, wie sein wirklicher Name lauten soll – mit Traven zu identifizieren. (Diesen Namen habe er von dem Redakteur Karl Doescher erhalten; Marut hatte an ihn eine Novelle geschickt, die er mit Traum – einer rückwärts gelesenen Verkürzung seines Namens also – gezeichnet hatte. Doescher habe Traven anstatt Traum gelesen; so sei dieser Name aufgekommen.) Keiner der deutschen Schriftsteller hat jedoch – obwohl sie in Mexiko eine eigene Verlagstätigkeit ausübten und ein freies deutsches Kulturzentrum errichteten – mit Marut Verbindung gehabt. Der ehemalige deutsche Revolutionär war nicht geneigt, persönlich an diesen Bestrebungen mitzuwirken. Einen schlüssigen Beweis für die Identität Marut-Traven konnte man nicht erbringen. Travens schwedischer Verleger, der inzwischen verstorbene Axel Holmström, hat verschiedentlich starke Zweifel gegen diese Annahme geäußert. Es heißt, daß Holmström gewußt habe, wer Traven sei. Gelegentlich äußerte er, der Schriftsteller sei Amerikaner skandinavischer Herkunft. Der eingangs erwähnte Korrespondent Souchy berichtet, daß Traven in den ersten Jahren seiner literarischen Wirksamkeit verschiedentlich kürzere Mitteilungen an die Zeitung ‚Der Syndikalist‘, Berlin, geschickt habe. Souchy war zu jener Zeit als Redakteur dieser Zeitung tätig. Einmal fragte Traven an, ob man ihm einen schwedischen Verleger nennen könne; man übermittelte ihm Holmströms Adresse. Souchy betonte ausdrücklich, daß Travens Postkarten nicht darauf hindeuteten, daß der Absender ein Deutscher sein könne.

Als dann mit der Verfilmung der Traven-Erzählung begonnen wurde, glaubte man, daß die Umstände es mit sich führen würden, daß Traven sich nun zu erkennen geben müsse. Man wußte, daß er in einem 500 Kilometer von der Hauptstadt entlegenen Indianerterritorium ansässig ist. Seine Post geht an eine Boxnummer in Tampico. Von dort wird sie durch mehrfach wechselnde Boten weiterbefördert. Jeder Versuch, diesen zu folgen, scheiterte schon im ersten Stadium der Reise. Auch während der Verhandlungen mit Warner Brothers gelang es Traven, das Geheimnis seiner Person zu wahren. Er weigerte sich nach Hollywood zu kommen. Einen Auftrag, ein Filmmanuskript für ein Honorar von 1000 Dollar wöchentlich zu schreiben, lehnte er ab. Als sein Vertreter fungierte eine junge Mexikanerin, die angab, Travens Sekretärin zu sein. Sie nahm den Kontrakt mit sich und brachte ihn mit der Unterschrift Travens zurück. Keinem lauernden Journalisten glückte es, ihr zu folgen und bei dieser Gelegenheit Travens Aufenthaltsort aufzuspüren. Dann endlich sollte es dem mexikanischen Journalisten L. Spota ‚geglückt‘ sein, das Traven-Geheimnis zu entschleiern. In der Zeitschrift ‚Manana‘ vom 7. August 1948 veröffentlichte dieser einen ausführlichen Artikel, in dem er die Beweise vorlegte, wer Traven sei. Spota hatte, wie Souchy berichtete, wirkliche Polizeimethoden angewandt, um Traven aufzuspüren. Er benötigte mehrere Jahre, um sein Ziel zu erreichen. Er untersuchte sämtliche Banken in Mexiko und entdeckte schließlich, daß die Banco de Mexiko ein Bankfach auf den Namen Traven führte. Die Bank hatte Anweisung, Travens Korrespondenz an die Adresse M. L. Martinez, Postfach 49 in Acapulco weiterzuleiten. Traven sollte, so wurde gesagt, seit 18 Jahren auf seiner Rancho in Acapulco wohnen. Sein Wohnhaus – aus Lehmwänden mit einem Ziegeldach gefertigt – baute er selbst; es liege hinter einem Laubwald versteckt und würde von 25 Hunden bewacht.

Traven leugnete hartnäckig, daß er der berühmte Schriftsteller sei. Dieser sei sein Vetter, behauptete er, der nicht mehr in Mexiko, sondern in der Schweiz lebe, in Davos. Souchy erklärte jedoch, wenn man Spotas Bericht gelesen habe, bezweifelte man nicht, daß dieser den wirklichen Traven ‚entdeckt‘ habe. Die Zeitschrift ‚Manana‘ veröffentlichte einige Aufnahmen, die die mexikanischen Journalisten von Travens Anwesen mitbrachten; ein Bild zeigte Traven selbst; einen einfachen Mann, der im Garten vor seinem Haus arbeitet.

Spotas Methoden waren so rücksichtslos, erklärte Souchy, daß man seiner Genugtuung nicht teilen könne. Er habe jedenfalls sein Ziel erreicht; die Neugierigen wären zufriedengestellt. Weniger zufrieden sei Traven. Er habe den Journalisten erklärt, daß er von dem Platz fortziehen werde, wenn man die Angaben über ihn veröffentlichen würde und er fortan nicht mehr in Frieden Leben könne. Er wünsche abseits zu leben, da die ‚große Welt‘ ihm nicht zusage. Es sei ihm lieber, unbekannt unter den unbekannten Menschen zu leben, die er in seinen Romanen beschreibt. Er kümmere sich nicht um irgendeine Nationalität; er sei Weltbürger in seinem Denken wie in seinen literarischen Arbeiten und fühle sich dem Arbeitsvolk in allen Ländern verbunden.

Diese Botschaft schien das einzig erfreuliche an der ganzen Geschichte, die Spota zu berichten wußte. Er hätte sich indessen seine enormen Anstrengungen sparen können. Diese Kunde wurde uns aus Travens Büchern zuteil; darum liebten wir seine Werke. Und weil dieses Bekenntnis nicht oft genug an die Menschheit ergehen kann, bedauern wir, wenn ihm seine Arbeitsruhe, die Einsamkeit und Stille, die er suchte und liebt, brutal zerstört und vielleicht unwiederbringlich verleidet wurde.

II.

Dieser Umstand, das rücksichtslose Vorgehen jenes mexikanischen Journalisten, der – wie sich später herausstellte – in gewaltsamer Weise die 5000 Dollar-Belohnung erwerben wollte, die die amerikanische Zeitschrift ‚Life‘ für den entsprechenden Fall zugesichert hatte, schien mir seinerzeit ein ausreichender Grund, daß Souchy’s Bericht über Schweden hinaus bekannt zu werden verdiente. Ich war nicht absolut überzeugt, daß der wirkliche Traven tatsächlich entdeckt worden war; diesem Zweifel entsprechend hatte ich den vorstehenden Informationsartikel – der im August 1948 in der ‚Berner Tagwacht‘ veröffentlicht wurde – ‚Wer ist Traven?‘ betitelt. Somit glaubte ich deutlich ausgedrückt zu haben, daß es – trotz der angeblichen ‚Entlarvung‘ doch wohl weiterhin als eine offene Frage zu betrachten sei. Die in dem Artikel erwähnten früheren Vermutungen, die das Traven-Rätsel zu erklären versuchten, sollten – wie mir scheint – von selbst dazu führen, daß sich stets Zweifel geltend machen werden, auch wenn eine Lösung dieses Rätsels in durchaus überzeugender Weise dargestellt wird. In dem vorstehenden Bericht ist nur die Zeitform geändert und lediglich eine Beschreibung des angeblich entdeckten Traven ausgelassen worden; ich habe nichts hinzugefügt. Trotz der vielen verschiedenartigen und widerspruchsvollen Versionen, die im Umlauf sind, habe ich jede Angabe auf ihren Ursprung zurückgeführt. Der Artikel erweist, daß ich journalistisch korrekt gehandelt habe und mich weder einer Unterlassung noch einer freien Erfindung – wie man es zuweilen darzustellen beliebt – schuldig gemacht habe.

Die schweizerischen Gilde-Hefte haben dann – ohne mein Wissen – diesen in der ‚Berner Tagwacht‘ erschienen Artikel übernommen und in stark gekürzter Form veröffentlicht. Einige Monate später erschien in der europäischen Presse der sensationsmacherische Artikel von J. Rieger, – (ausdrücklich vom Verfasser als ’sensationeller Artikel‘ gekennzeichnet) – in dem er mit reporterhaften Eilfertigkeit einen bösartigen Angriff gegen mich vollführte. Julius Zerfaß hat kürzlich in einem Traven-Artikel (‚Geist und Tat‘ Nr. 1/1950) Riegers Darstellung in folgender Weise zusammengefaßt: „Dann machte in letzter Zeit ein Aufsatz des in Dänemark lebenden Schriftstellers Jonny Rieger – der sich guter Beziehungen zu Traven rühmt – die Runde, der die Enthüllungen Spotas ebenfalls als Schwindel bezeichnet. Rieger will wissen, daß Traven tatsächlich teils norwegischen, teils schottischen Blutes – also kein Deutscher, sei. – – – Der Dichter befinde sich gegenwärtig zur Erholung in der Schweiz. (Wozu zu sagen ist, daß die wenigen, die das wissen müßten, über diese Meldung den Kopf noch mehr schütteln, als über die bisher servierten Kolportagen.)‘

In der Mai-Nummer der Gilden-Hefte erschien jedenfalls – wie mir die Redaktion mitteilte – ‚eine von Traven selbst gewünschte und gebilligte Notiz‘: man bedauerte, meinen Artikel übernommen zu haben, da die Reportage Spotas sich als Schwindel entpuppt habe. In welcher Weise diese Erklärung zumeist ‚vereinfacht‘ wird, erweist der letzte Fall, nämlich der erwähnte Artikel von Zerfaß: ‚Schließlich brachte die Schweizer Büchergilde in ihrem Mai-Heft 1949 eine Erklärung, ihr Artikel von Alfred Michaelis habe sich als Schwindel entpuppt.‘ Somit ist also nicht mehr Spota der Schwindler, sondern ich, lediglich deshalb, weil ich das brutale Vorgehen eines Menschen, der später als Schwindler entlarvt wurde, weiterverbreitet habe. ‚Aber nachdem die amerikanische Zeitung ‚Life‘ 5000 Dollar dem ausgesetzt habe, der Traven ausfindig mache‘, so heißt es in dem Artikel von Zerfaß weiter, ‚erschien am 7. August 1948 in der Zeitschrift ‚Manana‘ ein längerer Bericht des mexikanischen Journalisten Spota – wir folgen hier immer noch den Angaben Michaelis – der mit Hilfe ausgeklügelter Polizeimethoden usw.‘ – Daß diese Zeitschrift eine Belohnung ausgesetzt hatte, habe ich erst später aus dem Artikel von Rieger erfahren. Es ist sonderbar, wie man Angaben von mir folgen kann, die mein Bericht nicht enthielt. An anderer Stelle heißt es: ‚Nach ihm (gemeint: Michaelis) begann Traven als Statist am Düsseldorfer Schauspielhaus;‘ eine recht uninteressante Angabe, die mir jedoch vollkommen neu und in meinem Artikel ebenfalls nicht erwähnt wurde. Somit kann ich es erwiesen ansehen, daß der Verfasser – ‚immer den Angaben folgend‘ – einen Artikel bespricht, ohne diesen überhaupt gelesen zu haben. Dennoch – ich sage es in dankbarer Anerkennung – ist seine Darstellung in einer durchaus sachlichen Form vorgebracht, die in keiner Weise verletzend wirkt. Aber eben darum, weil die Form seines Artikels sich wohltuend von anderen unterscheidet, die ebenfalls mein Mißgeschick behandelten, sei mir der Einspruch erlaubt, daß man zunächst seine eigenen Angaben gründlicher überprüfen sollte, bevor man in der gewohnten Weise gegen mich vorgeht.

Schließlich: ich teile durchaus Zerfaß Auffassung: ‚wenn es zutrifft, daß der Dichter absolut hinter seinem Werk zurücktreten und unbelästigt bleiben will, so soll das respektiert werden.‘

Diese Auffassung habe ich im Schlußsatz meines ursprünglichen Artikels deutlich genug ausgesprochen. Seiner Leserschaft sollte es genügen, daß er sich allein durch sein Werk mitteilen will. Solange dieses für ihn spricht, sollte sich die Frage nach dem Autor erübrigen. Falls ein Werk der Menschheit nichts mehr zu sagen vermag, wird die Frage nach seinem Urheber ohnehin nicht mehr gestellt und auch ein Traven würde von einer solchen Stille der Teilnahmslosigkeit umgeben sein, daß sie ihm sicherlich den jetzt so nötigen, draufgängerischen und sorgsam schützenden Jonny Rieger – für diese Aufgabe zumindest – zu entbehren ermöglichen würde.“

Aus „Die freie Gesellschaft“ Nr. 7 Mai 1950

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s