„Ethik – Ursprung und Entwicklung der Sitten“

kropot

50 Jahre vor Julian Huxley und 100 Jahre vor Gründung der Giordano-Bruno-Stiftung schuf Piotr Kropotkin bereits die Grundlagen des evolutionären Humanismus, schreibt Michael Schmidt-Salomon im Vorwort zur verdienstvollen Neuauflage des lange vergriffenen Buchs des russischen Anarchisten und Evolutionstheoretikers.     


Kropotkin habe nicht nur das “sozialdarwinistische” Zerrbild der Natur widerlegt, sondern auch den angeblichen Gegensatz von Humanismus und Naturalismus überwunden: “Wer auf der Suche nach einem zeitgemäßen Menschen- und Weltbild ist, sollte ihn gelesen haben.”

Bekannt ist Peter Kropotkin vor allem durch sein Werk zur Gegenseitigen Hilfe, in dem er zahlreiche Belege dafür sammelt, dass in der Natur Kooperation ebenso häufig anzutreffen ist wie Konkurrenz. Seine Ethik, zugleich sein letztes Werk, knüpft an diese Vorstellungen an und versucht zu zeigen, dass „sittliches“ Verhalten generell in unserer Biologie angelegt ist und insofern keiner transzendenten Begründung bedarf.

Kropotkin hatte das Werk auf zwei Bände konzipiert, konnte jedoch nur noch den ersten vollenden. Darin gibt er nach einführenden Kapiteln, die seine evolutionsbiologische Perspektive („Das sittliche Prinzip in der Natur“) verdeutlichen, einen Überblick über die Geschichte der „Sittlichkeitslehren“. Er beginnt mit den Beobachtungen der damaligen ethnologischen Feldforschung; aus deren Ergebnissen schließt er auf Verhaltensvorschriften in prähistorischen Gesellschaften. Dann wendet er sich der Antike zu, in der es einige Philosophen gab, die – zumindest ansatzweise – das Gute im Menschen verorteten. Mit Aufkommen des Christentums werden solche Positionen selten, doch reißt diese Denktradition nie ganz ab. Kropotkin folgt dem Strang nichtmetaphysischer Ethikbegründungen, erläutert, welche Beiträge die bekannten Philosophen geleistet haben, und weist auf ihre blinde Flecke hin. Seine Einschätzungen sind dabei sachlich und differenziert, auf Polemik verzichtet der anarchistische Privatgelehrte. Dieser Schreibstil bringt es mit sich, dass wir auch bei jenen Philosophen, deren Gesamtkonzept Kropotkin ablehnt, erkennen können, welche Bedeutung ihre richtigen Antworten auf die eine oder andere Detailfrage für die Entwicklung einer Ethik auf evolutionärer Grundlage hatte. Wer sich für Philosophiegeschichte unter naturalistischem Blickwinkel interessiert, wird das Buch mit Gewinn lesen.

Für die erste Neuausgabe seit den 1970er Jahren hat Michael Schmidt-Salomon ein Vorwort beigesteuert.

Peter Kropotkin „Ethik – Ursprung und Entwicklung der Sitte“
Alibri Verlag, 2013
334 Seiten
18.-
ISBN 978-3-86569-160-6

HIER ERHÄLTLICH

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